{"id":2549,"date":"2023-05-03T11:20:48","date_gmt":"2023-05-03T09:20:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mdr\/?p=2549"},"modified":"2023-05-03T14:28:28","modified_gmt":"2023-05-03T12:28:28","slug":"blog-update-haftungsrecht-bgh-zum-schockschaden-besondere-schwere-des-schocks-ist-nicht-mehr-erforderlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mdr\/2023\/05\/03\/blog-update-haftungsrecht-bgh-zum-schockschaden-besondere-schwere-des-schocks-ist-nicht-mehr-erforderlich\/","title":{"rendered":"Blog Update Haftungsrecht: BGH zum Schockschaden \u2013 Besondere Schwere des Schocks ist nicht mehr erforderlich!"},"content":{"rendered":"<p>Mit seinem Urteil vom 6. Dezember 2022 (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2023.06.i.0362.01.e\">BGH v. 6.12.2022 \u2013 VI ZR 168\/21<\/a>, MDR 2023, 362) \u00e4ndert der BGH seine bisherige Linie zum Ersatz von sogenannten Schocksch\u00e4den. Diese neue Rechtsprechung hat auch Auswirkungen auf den Schockschadenersatz bei Haftung im Stra\u00dfenverkehr.<\/p>\n<p><strong>Bisherige Rechtsprechung<\/strong><\/p>\n<p>Nicht jede durch einen Unfall ausgel\u00f6ste seelische Betroffenheit kann zu einer haftungsbegr\u00fcndenden Gesundheitsverletzung f\u00fchren. Vielmehr ist eine Abgrenzung zum allgemeinen Lebensrisiko vorzunehmen. Nach bisheriger Rechtsprechung kam daher ein Ersatz f\u00fcr Schocksch\u00e4den, etwa bei durch \u00dcberbringen der Nachricht vom Tod eines nahen Angeh\u00f6rigen erlittenen psychischen Gesundheitssch\u00e4den, nur unter folgenden engen Voraussetzungen in Betracht (sh. dazu ausf\u00fchrlich <em>Zwickel<\/em>, NZV 2015, 214 und <em><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=gsv.03.iii.03.b\">Greger in Greger\/Zwickel, Haftung im Stra\u00dfenverkehr, 6. Aufl. 2021, Rz. 3.43 ff.<\/a><\/em>):<\/p>\n<ul>\n<li>Naher Angeh\u00f6riger: Nach st\u00e4ndiger Rechtsprechung muss zum Verungl\u00fcckten eine \u201cenge personale Verbundenheit\u201d bestehen.<\/li>\n<li>Pathologische Fassbarkeit der Beeintr\u00e4chtigung: Anders als beim Hinterbliebenengeld (\u00a7 844 Abs. 3 BGB) ist f\u00fcr den Ersatz von Schocksch\u00e4den eine eigene Gesundheitsverletzung beim Betroffenen erforderlich.<\/li>\n<li>Besondere Schwere des Schocks: Der allgemein \u00fcbliche Trauerschmerz gen\u00fcgte nicht. Vielmehr verlangte der BGH bisher stets, dass die Beeintr\u00e4chtigungen \u00fcber die erfahrungsgem\u00e4\u00df in solchen F\u00e4llen eintretenden nachteiligen gesundheitlichen Folgen hinausgehen.<\/li>\n<li>Tod oder schwere Verletzung: Ein Anspruch auf Ersatz von Schocksch\u00e4den bestand grunds\u00e4tzlich nur bei Unfalltod oder schwerer Verletzung.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Neue Rechtsprechungslinie\u00a0nach dem Urteil vom 6. Dezember 2022<\/strong><\/p>\n<p>Nach dem Urteil des BGH vom 6. Dezember 2022 kommt es auf die beiden letztgenannten Merkmale (Besondere Schwere des Schocks und Tod oder schwere Verletzung des Opfers) nicht mehr an.<\/p>\n<p>Bereits in seinem Urteil vom 27. Januar 2015 (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.bgh.20221206.vizr168\/21\">BGH v. 27.1.2015 \u2013 VI ZR 548\/12<\/a>, MDR 2015, 391) hat der BGH dem Umstand, ob der Gesch\u00e4digte den Unfall miterlebt hat oder nicht ma\u00dfgebliche Bedeutung f\u00fcr die Beurteilung der besonderen Schwere des Schocks beigemessen, ohne mit der st\u00e4ndigen Rechtsprechung zu brechen.<\/p>\n<p>In seinem Urteil vom 6. Dezember 2022 hat der BGH nun genau das getan und das Merkmal besondere Schwere des Schocks ausdr\u00fccklich aufgegeben:<\/p>\n<p><em>\u201eIst die psychische Beeintr\u00e4chtigung pathologisch fassbar, hat sie also Krankheitswert, ist f\u00fcr die Bejahung einer Gesundheitsverletzung nicht erforderlich, dass die St\u00f6rung \u00fcber die gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigungen hinausgeht, denen Betroffene bei der Verletzung eines Rechtsgutes eines nahen Angeh\u00f6rigen in der Regel ausgesetzt sind. Der Senat h\u00e4lt diese \u00c4nderung im Sinne einer konsequenten Gleichstellung von physischen und psychischen Beeintr\u00e4chtigungen im Rahmen des \u00a7 823 I BGB f\u00fcr geboten.\u201c (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2023.06.i.0362.01.e\">BGH v. 6.12.2022 \u2013 VI ZR 168\/21<\/a>, MDR 2023, 362)\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Nunmehr gilt:<\/strong> Ist gesichert, dass das Geschehen bei der nahestehenden Person eine pathologisch fassbare psychische St\u00f6rung verursacht hat, liegt nun eine Gesundheitsverletzung unabh\u00e4ngig von der Schwere des Schocks vor.<\/p>\n<p>Die Ersatzf\u00e4higkeit von Schocksch\u00e4den ist laut BGH auch nicht von vornherein auf F\u00e4lle beschr\u00e4nkt, in denen das nahestehende Opfer get\u00f6tet oder schwer verletzt worden ist. Im entschiedenen Fall waren die psychischen Gesundheitssch\u00e4den durch die Information \u00fcber den sexuellen Missbrauch der eigenen Tochter ausgel\u00f6st worden. Feststellungen zu gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigungen bei der Tochter selbst gab es nicht. Der BGH l\u00e4sst aber offen, ob eine Einschr\u00e4nkung f\u00fcr F\u00e4lle vorzunehmen ist, in denen <em>\u201eder Gesch\u00e4digte auf Ereignisse besonders empfindlich und \u201eschockartig\u201c reagiert, die das objektiv nicht rechtfertigen und die im Allgemeinen ohne nachhaltige und tiefe seelische Ersch\u00fctterungen toleriert zu werden pflegen\u201c (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2023.06.i.0362.01.e\">BGH v. 6.12.2022 \u2013 VI ZR 168\/21<\/a>, MDR 2023, 362)<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Einordnung des Urteils vom 6. Dezember 2022 und Abgrenzung\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Der BGH weitet durch sein Urteil vom 6. Dezember 2022 die Rechtsprechung zum Schockschaden aus. Eine besondere Schwere des Schocks ist nun, wie von der Literatur seit langem gefordert (<em><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2004.10.a.04\">Bischoff, MDR 2004, 557, 558<\/a><\/em>; <em>Ch. Huber<\/em>, NZV 2012, 5, 8; <em>Zwickel<\/em>, NZV 2015, 214, 215) nicht mehr erforderlich. Zudem kommt ein Schockschadenersatz nicht nur bei Tod bzw. schwerer Verletzung in Frage.<\/p>\n<p>Weitere einengende Elemente des Schockschadenersatzes bleiben aber erhalten. Es fehlt weiterhin am Schutzzweckzusammenhang, wenn der Gesch\u00e4digte kein naher Angeh\u00f6riger des Opfers ist. Auch v\u00f6llig fremde Personen k\u00f6nnen aber eine psychische Gesundheitsverletzung durch ein Unfallerlebnis erleiden. Dieses Merkmal bleibt damit zweifelhaft (so auch <em><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=gsv.03.iii.03.b\">Greger in Greger\/Zwickel, Haftung im Stra\u00dfenverkehr, 6. Aufl. 2021, Rz. 3.47<\/a><\/em>).<\/p>\n<p>Ein Schockschadenersatz setzt zudem stets eine pathologisch fassbare Gesundheitsbeeintr\u00e4chtigung voraus. Damit bleibt auch die Frage nach der Abgrenzung von Schockschadenersatz und Hinterbliebenengeld (\u00a7 844 Abs. 3 BGB) relevant, wo eine eigene Gesundheitsverletzung des Anspruchstellers gerade nicht erforderlich ist. Das Hinterbliebenengeld wird aber k\u00fcnftig in (etwas) gr\u00f6\u00dferem Umfang durch den Schockschadenersatz verdr\u00e4ngt (sh. dazu <em><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=gsv.31.v.06\">Zwickel in Greger\/Zwickel, Haftung im Stra\u00dfenverkehr, 6. Aufl. 2021, Rz. 31.202 ff.<\/a><\/em>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit seinem Urteil vom 6. Dezember 2022 (BGH v. 6.12.2022 \u2013 VI ZR 168\/21, MDR 2023, 362) \u00e4ndert der BGH seine bisherige Linie zum Ersatz von sogenannten Schocksch\u00e4den. Diese neue Rechtsprechung hat auch Auswirkungen auf den Schockschadenersatz bei Haftung im Stra\u00dfenverkehr. 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