{"id":2586,"date":"2023-06-22T11:57:38","date_gmt":"2023-06-22T09:57:38","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mdr\/?p=2586"},"modified":"2023-06-22T16:29:03","modified_gmt":"2023-06-22T14:29:03","slug":"von-der-indizwirkung-der-rechnung-zur-indizwirkung-der-honorarvereinbarung-die-neue-linie-des-bgh-zur-ersatzfaehigkeit-von-sachverstaendigenkosten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mdr\/2023\/06\/22\/von-der-indizwirkung-der-rechnung-zur-indizwirkung-der-honorarvereinbarung-die-neue-linie-des-bgh-zur-ersatzfaehigkeit-von-sachverstaendigenkosten\/","title":{"rendered":"Von der Indizwirkung der Rechnung zur Indizwirkung der Honorarvereinbarung: Die neue Linie des BGH zur Ersatzf\u00e4higkeit von Sachverst\u00e4ndigenkosten"},"content":{"rendered":"<p>Bislang hat der BGH f\u00fcr die Ersatzf\u00e4higkeit der Sachverst\u00e4ndigenkosten im Rahmen von Stra\u00dfenverkehrsunf\u00e4llen der tats\u00e4chlichen Begleichung der Rechnung entscheidende Bedeutung beigemessen (BGH v. 17.12.2019 \u2013 VI ZR 315\/18, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2020.06.i.0345.01.e\">MDR 2020, 345<\/a> = NJW 2020, 1001; BGH v. 26.4.2016 \u2013 VI ZR 50\/15, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2016.19.r.13\">MDR 2016, 1137<\/a> = NJW 2016, 3092, 3094).<\/p>\n<p>Das Begleichen der Rechnung bildete ein wesentliches Indiz f\u00fcr die Schadenssch\u00e4tzung nach \u00a7 287 Abs. 1 S. 1 ZPO mit den beiden folgenden Konsequenzen:<\/p>\n<ul>\n<li>Darlegung und Beweis des Gesch\u00e4digten f\u00fcr die Erforderlichkeit der Sachverst\u00e4ndigenkosten werden erleichtert.<\/li>\n<li>Auf Seite des Sch\u00e4digers reicht in diesem Fall einfaches Bestreiten der H\u00f6he der Forderung durch den Beklagten nicht mehr aus. Vielmehr muss er qualifiziert zur Erforderlichkeit der Sachverst\u00e4ndigenkosten vortragen (BGH v. 19.7.2016 \u2013 VI ZR 491\/15, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2016.23.r.13\">MDR 2016, 1378<\/a> = NJW 2016, 3363).<\/li>\n<\/ul>\n<p>In mehreren Entscheidungen aus den Jahren 2022 und 2023 stellt der BGH f\u00fcr die Indizwirkung statt der Begleichung der Rechnung nun ma\u00dfgeblich auf das Vorliegen einer Honorarvereinbarung ab soweit die Schadenersatzanspr\u00fcche nicht an Erf\u00fcllungs statt abgetreten wurden. Dar\u00fcber hinaus signalisiert der BGH in den folgenden Entscheidungen, dass das aus dem Werkvertrag mit dem Sachverst\u00e4ndigen Geschuldete zu ersetzen ist soweit die fehlende objektive Erforderlichkeit dem Gesch\u00e4digten im Rahmen der Plausibilit\u00e4tskontrolle nicht erkennbar war:<\/p>\n<ul>\n<li>BGH v. 7.2.2023 \u2013 VI ZR 137\/22, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2023.10.i.0626.01.e\">MDR 2023, 626<\/a> = NJW 2023, 1718: Die Preis- oder Honorarvereinbarung mit dem Sachverst\u00e4ndigen bildet, wenn nicht zugleich eine Abtretung des Schadenersatzsanspruchs an Erf\u00fcllungs statt erfolgt ist, ein Indiz f\u00fcr die Schadenssch\u00e4tzung nach \u00a7 287 ZPO.<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.bgh.20230207.vizr138\/22\">BGH v. 7.2.2023 \u2013 VI ZR 138\/22<\/a>, BeckRS 2023, 2753: Es obliegt der unternehmerischen Entscheidung des Sachverst\u00e4ndigen, ob er die Kosten f\u00fcr die Inanspruchnahme einer Restwertb\u00f6rse in sein Grundhonorar einpreist oder extra ausweist.<\/li>\n<li>BGH v. 12.12.2022 \u2013 VI ZR 324\/21, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2023.06.i.0361.01.e\">MDR 2023, 361<\/a> = NJW 2023, 1057: Die schadensrechtliche Erstattungsf\u00e4higkeit einer Corona-Desinfektionskostenpauschale des Sachverst\u00e4ndigen richtet sich nach der werkvertraglichen Beziehung zwischen Gesch\u00e4digtem und Sachverst\u00e4ndigem. Ob die Desinfektionskostenpauschale gesondert berechnet wurde oder in das Grundhonorar des Sachverst\u00e4ndigen eingepreist wurde, spielt keine Rolle.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Indiz f\u00fcr die Sch\u00e4tzung der Sachverst\u00e4ndigenkosten ist damit neuerdings die Honorarvereinbarung soweit nicht Schadenersatzanspr\u00fcche an Erf\u00fcllungs statt an den Sachverst\u00e4ndigen abgetreten wurden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Ersatzf\u00e4higkeit von Sachverst\u00e4ndigenkosten ergab sich, auf Basis der st\u00e4ndigen Rechtsprechung ein Schema (<em>Zwickel<\/em>, in: Greger\/Zwickel, Haftung im Stra\u00dfenverkehr, 6. Aufl. 2021, Rz. 29.7), das nun wie folgt zu erg\u00e4nzen ist (rot):<\/p>\n<ol>\n<li>Grundsatz: Gesch\u00e4digter ist nicht zur Marktforschung verpflichtet.<\/li>\n<li>Ausnahme: Erkennbarkeit des deutlichen \u00dcberschreitens der branchen\u00fcblichen S\u00e4tze aus ex-ante-Sicht bzw. Fehlen jeglicher Erkennbarkeit des Honorars<\/li>\n<li><span style=\"color: #ff0000\">Vorliegen einer Honorarvereinbarung (ohne Abtretung der Forderung an Erf\u00fcllungs statt) oder beglichene Rechnung als Indiz f\u00fcr die Erforderlichkeit der Sachverst\u00e4ndigenkosten<\/span><\/li>\n<li>Ausnahme von der Indizwirkung bei Abtretung der Forderung <span style=\"color: #ff0000\">erf\u00fcllungshalber<\/span> an den Sachverst\u00e4ndigen oder eine Verrechnungsstelle<\/li>\n<\/ol>\n<p>Der BGH betont neuerdings, nach Zeiten einer eher restriktiven, sehr fein ausdifferenzierten Dogmatik zur Erstattung von Sachverst\u00e4ndigenkosten, auff\u00e4llig deutlich die indizielle Bedeutung der Honorarvereinbarung f\u00fcr die Schadenssch\u00e4tzung nach \u00a7 287 Abs. 1 S. 1 ZPO. Diese neue Rechtsprechungslinie findet unschwer Anschluss an die aktuelle Rechtsprechung zum Werkstattrisiko bei konkreter Abrechnung von Reparaturkosten, wo ebenfalls die werkvertragliche Vereinbarung zwischen Gesch\u00e4digtem und Leistungserbringer (Werkstatt) ma\u00dfgebliche Grundlage der Schadenssch\u00e4tzung ist (BGH v. 26.4.2022 \u2013 VI ZR 147\/21, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=mdr.2022.17.i.1089.01.e\">MDR 2022, 1089<\/a> = NJW 2022, 2840).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bislang hat der BGH f\u00fcr die Ersatzf\u00e4higkeit der Sachverst\u00e4ndigenkosten im Rahmen von Stra\u00dfenverkehrsunf\u00e4llen der tats\u00e4chlichen Begleichung der Rechnung entscheidende Bedeutung beigemessen (BGH v. 17.12.2019 \u2013 VI ZR 315\/18, MDR 2020, 345 = NJW 2020, 1001; BGH v. 26.4.2016 \u2013 VI ZR 50\/15, MDR 2016, 1137 = NJW 2016, 3092, 3094). 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