{"id":131,"date":"2018-08-20T09:06:53","date_gmt":"2018-08-20T07:06:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=131"},"modified":"2018-08-20T14:11:15","modified_gmt":"2018-08-20T12:11:15","slug":"vorhersehbar-irrational-souveraene-mediation-durch-entlarvung-falscher-menschenbilder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2018\/08\/20\/vorhersehbar-irrational-souveraene-mediation-durch-entlarvung-falscher-menschenbilder\/","title":{"rendered":"Vorhersehbar irrational \u2013 souver\u00e4ne Mediation durch Entlarvung falscher Menschenbilder"},"content":{"rendered":"<p>Es braucht keine Mediationsausbildung, um zu wissen, dass sich Konfliktakteure oft irrational verhalten. Die krasseste Auspr\u00e4gung zeigt sich in Stufe 9 des <em>Glasl\u2018schen<\/em> Eskalationsmodell: Kamikaze, also die Vernichtung des Anderen auch unter Inkaufnahme von massiver Selbstsch\u00e4digung ist ganz offensichtlich eine unvern\u00fcnftige Entscheidung. Doch auch in weniger eskalierten Konflikten sind die typischen durch die Konfliktdynamik ausgel\u00f6sten Kommunikationsblockaden und Entscheidungsfallen zu beobachten, die in dem heute noch lesenswerten Tagungsband zur 1991er Tagung des Stanford Center on Conflict and Negotiation wunderbar zusammengetragen wurden (Arrow\/Mnookin et al. \u2013 Barriers to Conflict Resolution, New York\/London, 1995). So weit, so Konsens.<\/p>\n<p>Manche Mediatoren (und wir juristischen Mediatoren sind aufgrund unserer Enkulturation besonders pr\u00e4destiniert f\u00fcr diese Auffassung) neigen jedoch dazu, diesen irrationalen Zustand alleine der Konfliktbeteiligung zuzuschreiben. Dahinter steckt ein Menschenbild, nach dem Menschen normalerweise rational entscheiden, dies mindestens soweit wie m\u00f6glich anstreben sollten, und nach dem vern\u00fcnftige Argumente normalerweise \u00fcberzeugen sollten. Das Menschenbild ist deshalb wichtig, weil wir unsere Strategien aufgrund unserer mentalen \u201eLandkarten\u201c der Welt (Beliefs) entwickeln. Je realit\u00e4tsn\u00e4her das Menschenbild, desto besser ist also die Prognosekraft unserer Modelle und desto effektiver wirken unsere Strategien.<\/p>\n<p>Ein Mediator, der die Irrationalit\u00e4t nur dem Konflikt zuschreibt, ist in gro\u00dfer Versuchung, sich selbst als neutralen Dritten f\u00fcr einen rationalen Entscheider zu halten (man ist ja schlie\u00dflich als Nicht-Beteiligter nicht von den Konfliktph\u00e4nomenen okkupiert) \u2013 und alles daf\u00fcr zu tun, den Medianden zu helfen, schnell wieder in einen Zustand zur\u00fcck zu gelangen, in dem ihnen wieder der Zugang zu rationalen Entscheidungen (z.B. \u00fcber eine vern\u00fcnftige Konfliktl\u00f6sung) m\u00f6glich ist. Dahinter steckt oft die uns seit Jahrtausenden vermittelte Einstellung, die Ratio sei \u201eder h\u00f6chste Denkmodus\u201c (Immanuel Kant) und Emotionen seien \u201eAblenkung auf dem Weg zur Wahrheit\u201c (Platon). Ungl\u00fccklicherweise ist die These vom Menschen als rationalem Entscheider inzwischen wissenschaftlich genauso gut belegt wie die These der materiellen Existenz des Osterhasen.<\/p>\n<p>Die zeitgen\u00f6ssische Gehirnforschung hat l\u00e4ngst gezeigt, dass Menschen gar nicht in der Lage sind, rein rational zu entscheiden. So berichtet <em>Antonio Dam\u00e1sio<\/em> von einem Juristen (\u201eFall Elliott\u201c), der in Folge einer Operation bei gleichbleibend hohem IQ komplett die F\u00e4higkeit verliert, seine Emotionen wahrzunehmen. Die Folge: Er wird lebensuntauglich und ist nicht mal mehr in der Lage, einfachste Entscheidungen zu treffen. F\u00fcr manche von uns mag das eine unangenehme Einsicht sein, aber sie ist sehr gut belegt: Unsere Emotionalit\u00e4t und unser Unbewusstes ist immer an unseren Entscheidungen beteiligt \u2013 und das ist auch gut so. (zum Stand der Wissenschaft vgl. <em>Kast<\/em>, Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft, Frankfurt a.M., 2013).<\/p>\n<p>Im letzten Jahr wurde der Wirtschaftsnobelpreis an <em>Richard Thaler<\/em> vergeben, der in seinen jahrzehntelangen Forschungen immer mehr eine These bewiesen hat, die er in seiner Vorlesung zur Nobelpreisverleihung (sehr sehenswert: <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tD_5MgjIr00\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=tD_5MgjIr00<\/a>) auf die Formel brachte: Wir Menschen sind \u201eLess like Spock and more like Homer Simpson\u201c). Wir handeln emotional, treffen unvern\u00fcnftige Entscheidungen und Selbstkontrolle und Selbstdisziplin sind bei uns generell nicht besonders perfekt entwickelt. Die Erkenntnis ist deshalb bedeutend, weil wir auf der Grundlage von Menschenbildern, die dem real existierenden Menschen entsprechen, bessere Modelle und Strategien entwickeln k\u00f6nnen als auf der Grundlage von unerreichbaren Idealbildern wie dem homo oeconomicus.<\/p>\n<p>Wenn wir die menschlichen Irrationalit\u00e4ten in unser Modell einpassen wollen, empfiehlt sich f\u00fcr Mediatoren ein besonderer Blick auf die Framing-Forschung. Der Begriff \u201eFraming\u201c wurde zuerst 1974 von dem amerikanischen Soziologen <em>Erving Goffmann<\/em> gepr\u00e4gt. In seiner Frame Analysis beschreibt er, dass wir Menschen Situationen dadurch Bedeutung geben, dass wir den \u2013 gr\u00f6\u00dftenteils unbewussten \u2013 psychologischen Rahmen bei der Interpretation ber\u00fccksichtigen. <em>Amos Tversky<\/em> und <em>Daniel Kahneman<\/em> (Wirtschaftsnobelpreis 2002) \u00fcbernahmen diesen Begriff dann 1981 und bezeichneten damit das von Ihnen erforschte Ph\u00e4nomen, dass Entscheidungen nicht nur von der Substanz der zur Wahl stehenden Optionen, sondern ganz wesentlich auch von der Formulierung abh\u00e4ngen, mit der Wahloptionen Entscheidern pr\u00e4sentiert werden. Sie konnten zeigen, dass die kommunikative \u201eVerpackung\u201c die Wahlentscheidung auf vielf\u00e4ltige Weise wesentlich beeinflussen kann.<\/p>\n<p>35 Jahre sp\u00e4ter ist die verhaltens\u00f6konomische und neurowissenschaftliche Forschung einen gewaltigen Schritt weiter und hat eine Vielzahl von Framing-Effekten identifizieren k\u00f6nnen. Manche davon sind bereits in der Mediationsszene bekannt (z.B. die Tatsache, dass die Beurteilung einer angemessenen Haftstrafe durch einen erfahrenen deutschen Strafrichter durch einen vorherigen W\u00fcrfelwurf signifikant beeinflusst werden kann). Andere sind weitgehend unbekannt (z.B. die Tatsache, dass Sie die Zahlungsbereitschaft eines Medianden beeinflussen k\u00f6nnen, wenn Sie erz\u00e4hlen, dass Sie gestern im Stadion mit 60.000 Zuschauern das Spiel gesehen haben) oder nur eingeweihten Experten f\u00fcr Neuromarketing ein Begriff (z.B. die Zahlenpsychologie \u2013 der wahrgenommene Wert einer Zahl ist nicht objektiv, sondern z.B. davon abh\u00e4ngig, wo und in welcher Farbe und Gr\u00f6\u00dfe sie auf einem Papier notiert wird). Alle diese Framing-Effekte \u00fcben einen m\u00e4chtigen Einfluss auf Entscheidungen von Menschen aus \u2013 meist unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.<\/p>\n<p>Als professioneller Mediator sollte man sich daf\u00fcr interessieren. Erstens haben professionelle Mediatoren \u00fcblicherweise den Anspruch, ihre Kommunikation kontrolliert und zielorientiert zu gestalten und unabsichtliche Wirkungsph\u00e4nomene soweit m\u00f6glich zu vermeiden. Zweitens sind viele der Framing-Effekte nicht vermeidbar. Dies habe ich durch Verformung eines ber\u00fchmten <em>Watzlawick<\/em>-Zitates auf die Formel gebracht: Man kann nicht nicht framen! Wenn Framing also unvermeidbar ist, dann sollte es wenigstens zum eigenen Mediationsprogramm passen. Wie gesagt: Es spricht viel daf\u00fcr, sich das als Mediator einmal ganz genau anzuschauen und sich seine Gedanken zu machen.<\/p>\n<p>Ich habe dazu im letzten Jahr ein halbj\u00e4hriges Forschungsprojekt gestartet und den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammengetragen und in ein wissenschaftlich fundiertes Framing-Modell \u00fcbertragen. Dies versetzt Sie jetzt in die Lage, mit deutlich geringerem Aufwand sich ebenfalls f\u00fcr dieses Thema zu interessieren: Beginnend mit der <a href=\"http:\/\/portal.stbcenter.de\/Default.aspx?hitnr=0&amp;t=636703521036990000&amp;url=rn%3azsa%5e%5efile%3a%2f%2fR%7c%2fDoc%2fMagazines%2fZKM%2f1533082.xml&amp;ref=hitlist_hl\">August-Ausgabe <\/a>werde ich in der ZKM (zum kostenlosen Probeabo geht es <a href=\"https:\/\/www.otto-schmidt.de\/zeitschriften\/zeitschrift-fur-konfliktmanagement-zkm-probeabo-14392127.html\">hier<\/a>) in einer dreiteiligen Aufsatzserie die wichtigsten Framing-Effekte vorstellen \u2013 und die Auswirkungen auf ein professionelles Mediationsverst\u00e4ndnis diskutieren. Und: Framing ist keine Glaubensfrage, sondern Wissenschaft. Und weil manche Befunde wirklich unglaublich sind, habe ich die Originalstudien zitiert, damit Sie der Sache ganz genau auf den Grund gehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es braucht keine Mediationsausbildung, um zu wissen, dass sich Konfliktakteure oft irrational verhalten. Die krasseste Auspr\u00e4gung zeigt sich in Stufe 9 des Glasl\u2018schen Eskalationsmodell: Kamikaze, also die Vernichtung des Anderen auch unter Inkaufnahme von massiver Selbstsch\u00e4digung ist ganz offensichtlich eine unvern\u00fcnftige Entscheidung. 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