{"id":138,"date":"2018-10-08T10:05:03","date_gmt":"2018-10-08T08:05:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=138"},"modified":"2018-10-08T10:05:03","modified_gmt":"2018-10-08T08:05:03","slug":"die-entschluesselung-rechtlicher-konflikte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2018\/10\/08\/die-entschluesselung-rechtlicher-konflikte\/","title":{"rendered":"Die Entschl\u00fcsselung rechtlicher Konflikte"},"content":{"rendered":"<p style=\"padding-left: 57px\">Ko-Autor:<br \/>\nLudwig Bull, LL.B. (Cambridge)<br \/>\nCourtQuant<\/p>\n<p><strong>Der Einsatz k\u00fcnstlicher Intelligenz zur Ermittlung von Entscheidungsfaktoren der Konfliktl\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p>Ein Gespenst geht um in der Voraussage des Ausgangs rechtlicher Konflikte. In den letzten zwanzig Jahren haben verschiedene Studien belegt, dass es m\u00f6glich ist, das Ergebnis rechtlicher Konfliktl\u00f6sungsverfahren anhand statistischer Muster vorauszusagen. In den Jahren 2002 bis 2003 schlug eine relativ einfach programmierte k\u00fcnstliche Intelligenz einige der besten US-amerikanischen Rechtsexperten in der Voraussage von Urteilen des US Supreme Court. Der Computer sagte 75\u00a0% der Entscheidungen richtig voraus, w\u00e4hrend die Rechtsexperten nur in 59,1\u00a0% der F\u00e4lle richtiglagen. Im Jahr 2017 erzielte die k\u00fcnstliche Intelligenz in einem Experiment, an dem beide Autoren beteiligt waren, die bisher h\u00f6chste Voraussagegenauigkeit. F\u00fcr die menschlichen Berater wiederholte sich jedoch das Debakel in dem in London ausgerichteten \u00f6ffentlichen Wettbewerb. Bei der Voraussage von Entscheidungen der Ombudsstelle f\u00fcr Finanzdienstleistungen erzielten mehr als 100 Wirtschaftsanw\u00e4lte nur eine Trefferquote von 62,3\u00a0%, w\u00e4hrend die k\u00fcnstliche Intelligenz mit einer Genauigkeit von 86,6\u00a0% triumphierte. Es ist bemerkenswert, dass die k\u00fcnstliche Intelligenz in beiden Wettbewerben keine Informationen \u00fcber das anwendbare Recht hatte. Zwei weitere Studien, eine zu Voraussagen der Entscheidungen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofs f\u00fcr Menschenrechte aus dem Jahr 2016, eine weitere zur Prognose von Urteilen des US Supreme Court aus dem Jahr 2017, untermauerten die St\u00e4rke der k\u00fcnstlichen Intelligenz in der Fallvoraussage.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>In unserem, in der Oktober-Ausgabe der <a href=\"http:\/\/portal.stbcenter.de\/Default.aspx?bd=1&amp;url=rn:zsa%5E%5Efile:\/\/R%7C\/Doc\/Magazines\/ZKM\/1552488.xml\">ZKM (5\/2018, 165 ff.) <\/a>erscheinenden Beitrag unternehmen wir eine systematische Einordnung dieser Experimente und erl\u00e4utern ihre Implikationen f\u00fcr die Theorie der Konfliktl\u00f6sung. Wir entwickeln die These, dass zwei verschiedene Falltypen bzw. Datensets zu unterscheiden sind. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um eher technische F\u00e4lle mit einer rechtlich eindeutigen Antwort. Hier gelingt es Rechtsexperten, die Ergebnisse genau zu prognostizieren. Die k\u00fcnstliche Intelligenz kann hier (mindestens) mithalten, jedoch nur, wenn gen\u00fcgend \u00e4hnliche F\u00e4lle in gro\u00dfer Zahl zur Analyse bereitstehen. Bei der zweiten Gruppe handelt es sich um eher komplexe F\u00e4lle mit unklarem rechtlichen Ausgang. Hier kommen Rechtsexperten nicht zu einer eindeutigen Prognose, weil sich das Ergebnis nicht mit hinreichender Klarheit aus den Tatsachen und dem anwendbaren Recht ergibt. Die k\u00fcnstliche Intelligenz ist hier besonders prognosestark. Daf\u00fcr spielt unserer Meinung nach der Umstand eine Rolle, dass der Ausgang solch komplexer F\u00e4lle in st\u00e4rkerem Ma\u00dfe von Umst\u00e4nden beeinflusst wird, die nicht rechtlich-technischer Art sind. Das sind insbesondere Pr\u00e4ferenzen der Entscheidungstr\u00e4ger, die sich etwa aus politischen Anschauungen, Sozialisierung und individueller Rechtskonzeption ergeben. Eine k\u00fcnstliche Intelligenz kann solche Pr\u00e4ferenzen sehr gut analysieren und voraussagen. Den Rechtsexperten f\u00e4llt dies eher schwer.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser differenzierende Ansatz, der zwischen technischen und komplexen Falltypen unterscheidet, erlaubt eine konsistente Interpretation der vorliegenden Studien. Der Ansatz gibt au\u00dferdem einige Denkanst\u00f6\u00dfe zur Beantwortung der durch die Studien aufgeworfenen Fragen. Davon sei nur eine genannt: Wie ist es mit unserem Rechtsverst\u00e4ndnis zu vereinbaren, dass eine Maschine die Ergebnisse komplexer Rechtsstreitigkeiten ohne Kenntnis des anwendbaren Rechts besser voraussagt als hoch spezialisierte menschliche Experten? Nicht zuletzt wollen wir mit unserem Beitrag eine Diskussion dar\u00fcber anregen, wie der Erfolg k\u00fcnstlicher Intelligenz bei der Voraussage der Ergebnisse rechtlicher Konfliktl\u00f6sung einzusch\u00e4tzen ist und wie k\u00fcnstliche Intelligenz zur Analyse der Entscheidungsfaktoren eingesetzt werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ko-Autor: Ludwig Bull, LL.B. (Cambridge) CourtQuant Der Einsatz k\u00fcnstlicher Intelligenz zur Ermittlung von Entscheidungsfaktoren der Konfliktl\u00f6sung Ein Gespenst geht um in der Voraussage des Ausgangs rechtlicher Konflikte. In den letzten zwanzig Jahren haben verschiedene Studien belegt, dass es m\u00f6glich ist, das Ergebnis rechtlicher Konfliktl\u00f6sungsverfahren anhand statistischer Muster vorauszusagen. 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