{"id":192,"date":"2019-06-23T08:23:43","date_gmt":"2019-06-23T06:23:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=192"},"modified":"2019-06-23T14:46:38","modified_gmt":"2019-06-23T12:46:38","slug":"sind-wir-noch-zu-retten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/06\/23\/sind-wir-noch-zu-retten\/","title":{"rendered":"Nach mir die Sintflut! Sind wir noch zu retten?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Ein Bericht zum Internationalen Tag der Mediation am 18. Juni 2019 in Berlin<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Seit Wochen richtet Greta Thunberg, 16-j\u00e4hrige Sch\u00fclerin aus Schweden, mahnende Worte an die (politische) Welt. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund: \u201eIch will, dass ihr in Panik geratet. Ich m\u00f6chte, dass Ihr die Angst sp\u00fcrt, die ich jeden Tag sp\u00fcre. Ich m\u00f6chte, dass Ihr handelt, dass Ihr so handelt, als w\u00fcrde das Haus in Flammen stehen. Denn es brennt wirklich.\u201c (Quelle: <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/video\/davos-aktivistin-greta-thunberg-warnt-vor-klimwandel-video-99024484.html\">https:\/\/www.spiegel.de\/video\/davos-aktivistin-greta-thunberg-warnt-vor-klimwandel-video-99024484.html<\/a>). Greta ber\u00fchrt, Greta r\u00fcttelt auf und Greta motiviert eine Vielzahl gleichgesinnter Sch\u00fcler*innen weltweit, f\u00fcr ihre Zukunft einzustehen. Dabei fordert sie keinen grundlegenden Lebenswandel und Verzicht auf Luxus. Sie fordert die Regierungen lediglich auf, die CO2-Grenzen einzuhalten, die auf dem Pariser Klimagipfel verabredet wurden.<\/p>\n<p>Bei all der Sympathie f\u00fcr dieses M\u00e4dchen m\u00fcssen wir uns fragen (lassen): Wie kommt es, dass Greta Thunberg diesen Weg des Protests gehen muss? Wie kommt es, dass eine minderj\u00e4hrige Sch\u00fclerin deutlicher f\u00fcr das Klima eintritt, als die meisten Politiker in den handlungsrelevanten Positionen? Wieso kommen wir eigentlich nicht selbst auf die Idee, nachhaltig etwas an unserem Verhalten zu \u00e4ndern? Wir k\u00f6nnten es doch, oder?<\/p>\n<p>Wenn man Tim Hicks, Mediator und international renommiertem Mediationswissenschaftler aus den USA, glauben kann, dann ist es keine Frage des Wissens, an der wir in Bezug auf den Klimawandel scheitern. Anl\u00e4sslich des siebten Internationalen Tages der Mediation erl\u00e4utert er in seinem Vortrag am 18. Juni 2019 in der Emmaus-Kirche in Berlin Kreuzberg* seine Sicht auf den Konflikt zwischen den Generationen.<\/p>\n<p>Mit gro\u00dfer Leichtigkeit spannt Hicks unter dem Titel \u201eGesellschaftliche Ver\u00e4nderungen gestalten:\u00a0Energiewende, Mediation, &#8222;Fridays for Future&#8220;. Wie Mediation, Neurowissenschaften und &#8222;Fridays for Future&#8220; zusammenh\u00e4ngen\u201c am vergangenen Dienstag einen interessanten Bogen unter Bezugnahme auf verschiedene wissenschaftliche Ans\u00e4tze, wie z.B. Neurowissenschaften, Sozialpsychologie und Epigenetik, sowie Mediation und Konfliktkultur in der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Hicks beschreibt, dass verschiedenartige Konflikterfahrungen in Form von identit\u00e4tsbildenden Erfahrungen in unserem K\u00f6rper fest verankert sind. Sie seien die Ursache f\u00fcr die verschiedenen Wahrnehmungen der Realit\u00e4t. Sie bestimmen, wie wir kommunizieren, Beziehungen gestalten und auch, wie und mit welcher Radikalit\u00e4t wir Konflikte angehen. Bereits zu Beginn seines Vortrags bringt er sehr unmissverst\u00e4ndlich auf den Punkt, worin die Herausforderung unserer Zeit besteht: \u201eUnser Verhalten bedroht unsere Existenz, nicht der Klimawandel (&#8230;) Wir haben nicht gelernt, nach den Konsequenzen zu fragen, wir haben einfach gehandelt.\u201c<\/p>\n<p>Seit vielen Jahren h\u00f6ren wir \u2013 die \u201eerwachsene\u201c Generation \u2013 rund um die Uhr und den Globus von bedrohlichen Ver\u00e4nderungen des Klimas. Berichte aus Katastrophengebieten, Dokumentationen und wissenschaftliche Erkenntnisse rufen uns die Folgen der Erderw\u00e4rmung fortw\u00e4hrend ins Ged\u00e4chtnis. Wir erleben steigende Temperaturen, Jahrhundertsommer und Jahrtausend-Unwetter am eigenen Leib, denn in den letzten Jahren machen sintflutartige Regenf\u00e4lle, St\u00fcrme und Waldbr\u00e4nde auch vor unseren Haust\u00fcren nicht Halt. Und trotzdem kleben wir an alten Verhaltensweisen, als g\u00e4be es kein Morgen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich umfasse \u201edas Morgen\u201c f\u00fcr die heutige Generation nur eine kurze Zeitspanne, so Hicks. Die Lebenszeit eines Menschen betrage nur ca. 100 Jahre \u2013 ein Wimpernschlag im Vergleich zur 300.000-j\u00e4hrigen Menschheitsgeschichte. In dieser Zeit m\u00fcssten wir Menschen (jeder wieder von neuem) alles lernen, was zum Zusammenleben auf diesem Planeten geh\u00f6re; danach verlassen wir ihn wieder, erleben keine Nachwirkungen unseres Handelns \u00fcber das Ende unserer Lebenszeit hinaus. Es kann daher keine reale Angst vor der drohenden Klimakatastrophe bei uns\u00a0entstehen; denn die heute Verantwortlichen werden in wenigen Jahren schon verstorben sein.<\/p>\n<p>Hicks f\u00fchrt die Verdr\u00e4ngung der Realit\u00e4t u.a. auf eine Art Schutzreaktion des Gehirns zur\u00fcck. Um sich in der komplexen Welt orientieren zu k\u00f6nnen, baue jede*r einzelne von uns neuronale und kognitive Strukturen im Gehirn auf, schaffe sich Ordnungsschemata und Muster. Daraus resultiere zugleich das Bestreben, sich an diesen Strukturen entlang zu hangeln und dieses Wissen als Leitplanken zu verwenden. Der Mensch strebe nach Stabilit\u00e4t und Verl\u00e4sslichkeit. Ereignisse oder Erfahrungen, die von den bislang bekannten Mustern abweichen, l\u00f6sen Unsicherheit, \u00c4ngste und Bef\u00fcrchtungen aus. Er tue daher alles, um in einem sicheren stabilen Zustand zu bleiben.<\/p>\n<p>Eine weitere faszinierende und zugleich erstaunliche Beobachtung sei, dass das Gehirn zwei kontr\u00e4re Informationen nicht zeitgleich verarbeiten kann. In Experimenten k\u00f6nne nachgewiesen werden, dass divergierende Wahrnehmungen in den jeweils verarbeitenden Hirnarealen \u201ehin- und herspringen\u201c. Es sei, als ob sich das Gehirn nicht entscheiden k\u00f6nne, welche Perzeption die richtige sei. Als g\u00fcltig w\u00fcrde eher die vertraute, bereits bekannte Information angesehen. So sei es auch mit dem Wissen um den Klimawandel. \u201eWir wissen, dass es den Klimawandel gibt. Aber wir glauben es nicht genug\u201c, so Hicks. Die Folgen des Klimawandels setzen nicht auf einen Schlag ein, sondern entwickeln sich langsam und schleichend. Zusammenh\u00e4nge mit dem eigenen Handeln lie\u00dfen sich vor sich selbst sehr leicht relativieren, insbesondere dann, wenn sie das positive Selbstbild bedrohen.<\/p>\n<p>Seiner Meinung nach helfe es daher nicht, Menschen mit noch mehr Informationen zu versorgen. Man erreiche die Menschen nicht mit Schreckensbildern und realit\u00e4tsgetreuen Abbildungen von der drohenden Zukunft. Diese Nachrichten w\u00fcrden zwar geh\u00f6rt, aber bei der Einordnung und der Bedeutungszumessung wieder verdr\u00e4ngt. Sich mit den Folgen auseinanderzusetzen, sei neu. Bislang fehle zudem eine globale Perspektive, die Wechselwirkungen in Bezug zueinander setzte.<\/p>\n<p>Die G\u00e4ste der anschlie\u00dfenden Podiumsdiskussion \u2013 Dr. Bettina Knothe (Kompetenzzentrum Naturschutz und Energiewende), Edmund Ahrend (Verein zur F\u00f6rderung von Wissenschaft und Praxis der Mediation e.V. (WPM)), Prof. Dr. Ulla Gl\u00e4\u00dfer (Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement der Europa-Universit\u00e4t Viadrina) sowie Tim Hicks und\u00a0Michael Cramer (Moderation) \u2013 besch\u00e4ftigten sich u.a. mit der Frage, wie die Menschen f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung zu gewinnen seien. Eine wichtige Erkenntnis hob Hicks nochmals hervor: Drohungen und Bestrafungen w\u00fcrden keine Wirkung entfalten. Eine L\u00f6sungsidee bestehe im Modelllernen. Man m\u00fcsse den Menschen ein neues, positiv besetztes Verhalten vorleben. Gute Modelle seien nach wie der beste Garant f\u00fcr einen Verhaltensumschwung.<\/p>\n<p>Alle waren sich einig, L\u00f6sungen kooperativ und interessenbasiert zu finden, sei der beste Weg. Daf\u00fcr m\u00fcsse man jedoch den Menschen den Gewinn ganz direkt verdeutlichen, den eine Verhaltens\u00e4nderung bewirken kann. Dies bedeute vor allem auch, sie da abzuholen und wo sie st\u00fcnden und z.B. angesichts des Baus eines Windrades die konkreten \u00c4ngste und Bef\u00fcrchtungen kleinschrittig besprechen. \u201eDies kostet sehr viel Zeit\u201c, berichtete Dr. Bettina Knothe. Aber die m\u00fcsse man investieren, wenn man Schritte gehen und dabei die Betroffenen erreichen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Was bedeuten diese Erkenntnisse nun f\u00fcr die Bewegung \u201eFridays for future\u201c und Greta Thunberg? Werden den Sch\u00fcler*innen diese Erkenntnisse reichen?<\/p>\n<p>In unserem gesellschaftlichen Verst\u00e4ndnis von Nachfolge \u00fcbergibt \u00fcblicherweise die \u00e4ltere Generation der j\u00fcngeren ihre Erkenntnisse. Die Vergangenheit <em>und<\/em> die Gegenwart lehren uns jedoch, dass sich dieses Verh\u00e4ltnis insbesondere bei den Themen Klimaschutz und verantwortungsvollem Umgang mit endlichen Ressourcen nicht bew\u00e4hrt. Was unsere Generationen unterscheidet? Die j\u00fcngere Generation wird die Konsequenzen in ihrer Lebenszeit erleben, die unser Verhalten ausl\u00f6st \u2013 dann, wenn wir f\u00fcr die Folgen nicht mehr geradestehen k\u00f6nnen \/ m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Wir lernen von Greta Thunberg und allen Beteiligten an der \u201eFridays for future\u201c-Bewegung die Bedeutung von Konfliktf\u00e4higkeit, d.h. Hinsehen, Einstehen f\u00fcr eigene Werte, Argumentieren und Wirksamkeit entfalten, An- und Aussprechen von gesellschaftlich heiklen Themen, angemessene Unnachgiebigkeit bei der Thematisierung dieser Themen, Hartn\u00e4ckigkeit bei der \u00dcberpr\u00fcfung von getroffenen Vereinbarungen und ihre ehrliche Evaluation, Einfordern von eingegangenen Verpflichtungen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen sehr stolz auf sie sein. Sie wenden an, was sie \u00fcber Konflikte und ihre konstruktive L\u00f6sung gelernt haben und sie bringen uns mit dieser F\u00e4higkeit in Bewegung. Stolz allein reicht jedoch nicht \u2013 es ist an uns, den Dialog aufzunehmen und die Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Und jede*r einzelne von uns ist gefordert, sein\/ihr eigenes Verhalten jeden Tag von Neuem zu pr\u00fcfen und sich vor sich selbst zu rechtfertigen: Welchen Teil trage ich zur Klimaver\u00e4nderung bei? Verliere ich wirklich nur, wenn ich etwas in meinem Verhalten, in meinen Gewohnheiten \u00e4ndere? Was steckt hinter meinen Verhaltensweisen? Wie kann ich die zugrundeliegenden Bed\u00fcrfnisse anderweitig genauso effektiv befriedigen?<\/p>\n<p>Wir Mediator*innen sind darin eigentlich Expert*innen. Warum gehen wir nicht mit leuchtendem Beispiel voran?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>* Der Vortrag sowie die anschlie\u00dfende Podiumsdiskussion wurde veranstaltet von der Regionalgruppe Berlin-Brandenburg des Bundesverbandes Mediation e.V. in Kooperation mit dem Verein zur F\u00f6rderung von Wissenschaft und Praxis der Mediation e.V. (WPM), dem Master-Studiengang Mediation und Konfliktmanagement der Europa-Universit\u00e4t Viadrina und der Bundes-Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Familien-Mediation e.V. (BAFM). N\u00e4here Informationen zur Veranstaltung:\u00a0https:\/\/rg-berlin-brandenburg.bmev.de\/internationaler-tag-der-mediation-2019\/<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht zum Internationalen Tag der Mediation am 18. Juni 2019 in Berlin Seit Wochen richtet Greta Thunberg, 16-j\u00e4hrige Sch\u00fclerin aus Schweden, mahnende Worte an die (politische) Welt. Dabei nimmt sie kein Blatt vor den Mund: \u201eIch will, dass ihr in Panik geratet. Ich m\u00f6chte, dass Ihr die Angst sp\u00fcrt, die ich jeden Tag sp\u00fcre. 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