{"id":210,"date":"2019-08-06T11:15:48","date_gmt":"2019-08-06T09:15:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=210"},"modified":"2019-08-06T13:23:28","modified_gmt":"2019-08-06T11:23:28","slug":"rueckblick-auf-den-ein-blick-ueber-den-tellerrand-wie-konflikte-in-zukunft-beigelegt-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/08\/06\/rueckblick-auf-den-ein-blick-ueber-den-tellerrand-wie-konflikte-in-zukunft-beigelegt-werden\/","title":{"rendered":"Ausblick \u00fcber den Tellerrand: Wie Konflikte in Zukunft beigelegt werden"},"content":{"rendered":"<p>In Kooperation mit dem Munich Center for Dispute Resolution, einer Forschungsstelle der Juristischen Fakult\u00e4t der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU M\u00fcnchen), veranstaltete die <em>Centrale f\u00fcr Mediation<\/em> ihren 18. Mediations-Kongress am 5. und 6. April an der LMU in M\u00fcnchen. Im Zentrum standen Zukunftsfragen der Mediation. Dabei war der thematische Bogen weit gespannt und reichte von speziellen Fragen der allgegenw\u00e4rtigen Digitalisierung bis hin zu den allgemeinen gesellschaftlich-politischen Rahmenbedingungen konsensualer Streitbeilegung und dem weit verbreiteten Eindruck, dass konsensorientierte Konfliktbew\u00e4ltigung in Zeiten von Trump und Co gesellschaftlich betrachtet gerade nicht <em>en vogue<\/em> ist. Anl\u00e4sslich der Ver\u00f6ffentlichung einiger Vortr\u00e4ge im kommenden Heft 4\/2019 der ZKM (f\u00fcr CfM-Mitglieder bereits online\u00a0verf\u00fcgbar), werden hier einige zentrale Erkenntnisse in Erinnerung gerufen.<\/p>\n<p>Den Auftakt zum 18. Mediations-Kongress gab Prof. Dr. <em>Thomas Riehm<\/em>, der im Lichte der Entscheidung des <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=rs.bgh.20170921.ixzr34%2F17\">BGH vom 21.9.2017 \u2013 IX ZR 34\/17 <\/a>die Haftungsrisiken f\u00fcr Mediatoren untersuchte (zugleich <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.04.a.01\"><em>Riehm\u00a0<\/em>ZKM 4\/2019, 120\u00a0ff<\/a>.). Zutreffend betonte <em>Riehm<\/em> zun\u00e4chst die unzul\u00e4ngliche terminologische Differenzierung im Bereich der alternativen Streitbeilegung durch den BGH (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:120%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2019, 120<\/a>, 122). Zuzustimmen ist <em>Riehm<\/em> dar\u00fcber hinaus in der Einsch\u00e4tzung, dass das Ergebnis der Entscheidung dennoch \u00fcberzeuge. Der Schl\u00fcssel zur Haftungsvermeidung ist demnach gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Transparenz. Allerdings vermag auch diese &#8211; wie <em>Riehm<\/em> weiter zeigte \u2013 nicht alle Haftungsstricke zu beseitigen.<\/p>\n<p>Aus den Niederlanden erhielten die Teilnehmenden einen ersten Eindruck, wie fortgeschritten der Einsatz digitaler Tools in der au\u00dfergerichtlicher Streitbeilegung bereits sein kann (zugleich <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.04.a.02\"><em>van Zeeland<\/em> ZKM 4\/2019, 128\u00a0ff<\/a>.). Es glich einem Blick in eine f\u00fcr Deutschland noch recht weit entfernt scheinende Zukunft, als <em>Corry van Zeeland<\/em> die niederl\u00e4ndischen Websites <a href=\"http:\/\/www.rechtwijzer.nl\/\">www.rechtwijzer.nl<\/a> und <a href=\"https:\/\/uitelkaar.nl\/\">https:\/\/uitelkaar.nl<\/a> vorstellte. Angesichts der ca. 1.817 Scheidungs- und Trennungsverfahren, die dar\u00fcber zur Zufriedenheit der Benutzer bereits abgewickelt wurden, wirken die k\u00fcrzlich zur Allgemeinen Verbraucherschlichtungsstelle am Zentrum f\u00fcr Schlichtung e.V. in Kehl ver\u00f6ffentlichten Zahlen sehr ern\u00fcchternd (vgl. <a href=\"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/05\/09\/empirische-forschung-zur-verbraucherschlichtung\/\">Creutzfeldt\/Steffek<\/a> Expertenblog Beitrag vom 9.5.2019). Allerdings scheint der zukunftsweisende Charakter des niederl\u00e4ndischen Online-Verfahrens nicht nur im Verh\u00e4ltnis zu Deutschland zu gelten, vielmehr beschrieb eine internationale Studie die Seite so: \u201e[\u2026] this site shows clear signs of being a game changer and far in advance of anything else in the world [\u2026]\u201c (vgl. <em>van Zeeland<\/em> <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:128%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2019, 128<\/a>, 129 Fn. 3). Dank der Ber\u00fccksichtigung psychologischer Erkenntnisse, wie sie auch in der Mediation angewandt werden, und dem Feedback zahlreicher Testnutzer wurde hier eine Plattform geschaffen, die eine gelungene Nutzeroberfl\u00e4che mit empathisch formulierten Fragen verbindet (ZKM 4\/2019, 128, 131 Fig. 3: als positiv hervorgehoben werden u.a. \u201eopen questions\u201c und \u201eemphasis on how to communicate in a constructive way\u201c).<\/p>\n<p>Gerade mit Blick auf die Zahlen aus Kehl und angesichts der Tatsache, dass immerhin 67\u00a0% der Unternehmer, die bereits an einem Verbraucherschlichtungsverfahren beteiligt waren, mit diesem zufrieden sind, stellt sich die Frage, woher Zur\u00fcckhaltung in diesem Bereich r\u00fchrt. Deshalb ist der Einblick in die Denk- und Entscheidungsstrukturen eines gr\u00f6\u00dferen Unternehmens, den Dr. <em>Eike Wissmann<\/em> gew\u00e4hrt, sehr aufschlussreich (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.04.a.05\">ZKM 4\/2019, 141 ff.<\/a>). Nach den schlechten Erfahrungen aus einem ersten Versuch mit ADR wurde jahrelang der Gang vor die staatlichen Gerichte bevorzugt. Der Erfolg aus einem k\u00fcrzlich durchgef\u00fchrten hybriden Verfahren mit mediativem Schwerpunkt stie\u00df einen Prozess des Umdenkens an. Die ersten positiven Auswirkungen auf die Unternehmenskultur zeigten sich beispielsweise in der zunehmenden Einbindung von ADR-Klauseln. Dieses Beispiel best\u00e4rkt den Eindruck, dass sich viele Unternehmen nur z\u00f6gerlich dem Thema ADR n\u00e4hern. Es sei nur kurz daran erinnert, dass eine Abhilfe hiervon die an anderer Stelle geforderte Einf\u00fchrung eines Deutschen Konfliktmanagementkodex bieten w\u00fcrde (vgl. <em><a href=\"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/02\/05\/der-deutsche-konfliktmanagementkodex-dkmk\/\">Steffek<\/a><\/em>, Blogbeitrag vom 5.2.2019).<\/p>\n<p>Eine f\u00fcr dieses Problem zus\u00e4tzlich bestehende Abhilfem\u00f6glichkeit, in Form einer gelungenen Anwendung der digitalen M\u00f6glichkeiten unserer Zeit im Bereich der alternativen Streitbeilegung, pr\u00e4sentierte Dr. <em>Ulrich Hagel<\/em> mit dem DiReCT-Tool, welches erst wenige Stunden vor dem Vortrag auf der Website <a href=\"http:\/\/www.rtmkm.de\/\">www.rtmkm.de<\/a> freigeschaltet wurde. Das \u00e4u\u00dferst bemerkenswerte Tool zur Wahl des nach den Umst\u00e4nden meist geeigneten ADR-Verfahrens weist den richtigen Weg in die Zukunft technologieunterst\u00fctzter Streitbelegung (ausf\u00fchrlicher zu dem Tool bereits in der April-Ausgabe, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.02.a.06\">ZKM 2\/2019, 63 ff.<\/a>).<\/p>\n<p>Neue Anwendungsfelder der konsensualen Streitbeilegung stellte <em>Bettina Hoffmann<\/em> mit der von ihr erfolgreich betriebenen Telefonmediation vor. Vorteile seien insbesondere die hohe Flexibilit\u00e4t und eine m\u00f6glicherweise geringere Hemmschwelle f\u00fcr die Parteien, das Verfahren einzuleiten bzw. die Mediation als Verfahren zu w\u00e4hlen. In seinem Korreferat ging Dr. <em>Martin Riemer<\/em> unter anderem darauf ein, dass sich nicht alle Konfliktf\u00e4lle gleicherma\u00dfen f\u00fcr eine Telefonmediation eigneten. Im Anschluss folgte eine angeregte Diskussion, insbesondere \u00fcber die Einordnung dieser Form der Konfliktbew\u00e4ltigung als Mediation sowie ihre Erfolgsquote. Hier wurde erneut die Forderung nach einer umfangreichen empirischen Erfassung der Mediationsf\u00e4lle laut. F\u00fcr Diskussionsstoff sorgte au\u00dferdem die These <em>Riemers<\/em>, dass die Telefonmediation v.a. Instrument der Rechtsschutzversicherer sei, um in diesem Bereich Kosten zu dr\u00fccken (s. <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.04.a.06\">ZKM 4\/2019, 145\u00a0ff<\/a>.).<\/p>\n<p>Einige Nachteile der Mediation rief Dr. <em>Markus Troja<\/em> unter dem Titel \u201eDie dunkle Seite der Mediation\u201c in Erinnerung (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.04.a.04\">ZKM 4\/2019, 136 ff<\/a>.). So k\u00f6nnten sich Mediationsverfahren etwa als Innovationsbremsen entpuppen (so im Bereich erneuerbarer Energien, wo technische Innovationen, insbesondere im Immissionsschutz, durch Konsensl\u00f6sungen u.U. verhindert w\u00fcrden), oder zur Beseitigung gesellschaftlich brisanter Konflikte (\u201eSpotlight\u201c, sexuelle Bel\u00e4stigung am Arbeitsplatz) in Hinterzimmern beitragen und so die Wahrnehmung und Diskussion durch die \u00d6ffentlichkeit verhindern. Auch d\u00fcrfe nicht in Vergessenheit gerade, dass auch das typisch gewordene Win-Win-Denken letztlich nur Ausdruck eines gewissen Egoismus sei. Oftmals gerate in Vergessenheit, dass einem Kompromiss bzw. einem einseitigen Nachgeben auch ein gewisser Glanz innewohnt, und sich dieser langfristig positiv auf die Beziehung mit dem Gegen\u00fcber als auch auf das gesellschaftliche Klima auswirken k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Wie oft das Individuum Opfer der eigenen Stereotype wird und welche fatalen Folgen dies haben kann, f\u00fchrte Prof. Dr. <em>Isabell Welpe<\/em> in gleicherma\u00dfen eindr\u00fccklicher wie kurzweiliger Weise vor Augen. Nachdenklich stimmt etwa die Erkenntnis, dass mehr Todesf\u00e4lle bei Hurrikanen mit weiblichen als bei solchen mit m\u00e4nnlichen Namen auftreten, offenbar weil die als weich empfundenen weiblichen Namen ein weniger vorsichtiges Verhalten hervorrufen. Nicht minder gilt dies f\u00fcr die Einsicht, dass es f\u00fcr Bewerberinnen generell vorteilhafter ist, nicht \u00fcber das Einstiegsgehalt zu verhandeln, weil dies ihre Chancen auf eine Zusage signifikant schm\u00e4lert.<\/p>\n<p>Durchaus bedr\u00fcckende Einsichten in die Verrohung der gesellschaftlichen Debattenkultur lieferte am zweiten Kongresstag die Bundestagsabgeordnete <em>Renate K\u00fcnast<\/em>. Ausdr\u00fccklich warnte sie vor der angestrebten systematischen Zersetzung der demokratischen Ordnung durch das erstarkte rechtsextreme Spektrum und andere radikalisierte Bewegungen. Eine Warnung, die zwischenzeitlich mit dem Mord an Dr. Walter <em>L\u00fcbcke<\/em> auf traurigste Weise Wirklichkeit wurde. Umso eindr\u00fccklicher bleiben die Aufforderungen K\u00fcnasts im Ged\u00e4chtnis: Ganz entscheidend f\u00fcr die Verteidigung demokratischer Werte sei es, Haltung zu bewahren und sich nicht auf die Enttabuisierung in Umgang und Sprache einzulassen. Dar\u00fcber hinaus m\u00fcsse der Journalismus die zunehmende Vernetzung der rechtsextremen Szene und deren hohen Organisationsgrad im digitalen Raum (<em>social bots<\/em>, zielgerichtete <em>retweets<\/em> und <em>shitstorms<\/em> etc.) aufdecken. Die Strategien und Ziele demokratiefeindlicher Bewegungen m\u00fcssten im \u00f6ffentlichen Diskurs offensiv erkannt, benannt und \u201eenttarnt\u201c werden.<\/p>\n<p>Abgerundet wurde das Tagungsprogramm durch eine Reihe instruktiver Praxis-Workshops. An dieser Stelle sei lediglich exemplarisch auf den theoretischen Input \u00fcber die Nachfolgeprozesse in Familienunternehmen hingewiesen, welcher in einem zweiteiligen Aufsatz in der ZKM erscheinen wird (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.04.a.03\"><em>Halter\u00a0<\/em>ZKM 4\/2019, 132<\/a> = Teil 1).<\/p>\n<p>Insgesamt lieferte der 18. Mediations-Kongress viele wertvolle theoretische und praktische Impulse. Dennoch wird die Ver\u00f6ffentlichung der Beitr\u00e4ge mit Spannung erwartet, bietet sie doch die M\u00f6glichkeit, zahlreiche Einsichten zu vertiefen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis der Redaktion<\/strong>: Das Kongressheft steht Interessierten auf der ZKM-Website als <a href=\"https:\/\/www.centrale-fuer-mediation.de\/downloads.htm\">kostenloser Download<\/a> zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Kooperation mit dem Munich Center for Dispute Resolution, einer Forschungsstelle der Juristischen Fakult\u00e4t der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen (LMU M\u00fcnchen), veranstaltete die Centrale f\u00fcr Mediation ihren 18. Mediations-Kongress am 5. und 6. April an der LMU in M\u00fcnchen. Im Zentrum standen Zukunftsfragen der Mediation. 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