{"id":250,"date":"2019-10-25T19:04:46","date_gmt":"2019-10-25T17:04:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=250"},"modified":"2019-10-25T19:19:14","modified_gmt":"2019-10-25T17:19:14","slug":"ueberlegungen-zur-veroeffentlichung-von-maria-seehausen-zkm-5-2019-164-ff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/10\/25\/ueberlegungen-zur-veroeffentlichung-von-maria-seehausen-zkm-5-2019-164-ff\/","title":{"rendered":"\u00dcberlegungen zur Ver\u00f6ffentlichung von Maria Seehausen (ZKM 5\/2019, 164 ff.)"},"content":{"rendered":"<p>Mit gro\u00dfem Interesse habe ich die Zusammenfassung der drei Studien (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.05.a.02\"><em>Seehausen<\/em>, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:164%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2019, 164<\/a> ff.<\/a>, siehe auch\u00a0<a href=\"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/10\/21\/positive-effekte-des-paraphrasierens\/\">Blogbeitrag Seehausen\u00a0vom 21.10.<\/a>) gelesen, die belegen, dass Paraphrasieren ein wirksamer Ansatz (nicht nur) in der Mediation darstellt. Grunds\u00e4tzlich \u2013 so werden vermutlich die meisten Medatior_innen \u2013 diese Ergebnisse der Untersuchungen best\u00e4tigen, ohne dass sie aufw\u00e4ndige Forschung dazu betrieben h\u00e4tten. Aber in unserer wissenschaftsgl\u00e4ubigen Zeit freuen wir uns nat\u00fcrlich, wenn das, was wir zu wissen glauben, endlich auch \u201ebewiesen\u201c wird.<\/p>\n<p>Diese Beweise w\u00fcnschen wir uns auch deshalb, weil namhafte Wissenschaftler_innen z.B. Wirksamkeitsraten unterschiedlicher Psychotherapien bezweifeln und statt dessen konstatieren: \u201eDie unterschiedlichen Richtlinienverfahren weisen im Durchschnitt dieselbe Wirksamkeit auf, die zudem viel geringer ist als offiziell behauptet und ungef\u00e4hr dem \u201eDrittelgesetz\u201c folgt, d.h. bei einem Drittel der Patienten zeigt sich eine deutliche l\u00e4ngerfristige Wirkung, bei einem weiteren Drittel ist die Wirkung nur m\u00e4\u00dfig oder nicht dauerhaft, und beim restlichen Drittel ist keine Wirkung feststellebar. (<em>Roth\/Ryba<\/em> 2016: 243).<\/p>\n<p>Wie sch\u00f6n w\u00e4re es also, wenn wir mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisen k\u00f6nnten, dass bestimmte Interventionen \u201etats\u00e4chlich\u201c wirken. Tats\u00e4chlich ist dies in den Untersuchungen gelungen und in den Originalpublikationen nachzulesen und so ist Seehausen und ihrem Team in gro\u00dfes Kompliment f\u00fcr diese Untersuchungsserie auszusprechen.<\/p>\n<p>Seehausen et al. verwenden dazu unterschiedliche neurophysiologische Methoden, die in der vorliegenden Zusammenfassung aufgez\u00e4hlt und als \u201everl\u00e4ssliche Indikatoren\u201c (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.05.a.02\"><em>Seehausen, <\/em><a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:164%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2019, 164<\/a>, 165<\/a>) bezeichnet werden.<\/p>\n<p>Bei aller Begeisterung f\u00fcr die Untersuchungsergebnisse, m\u00f6chte ich mit einigen kritischen \u00dcberlegungen die Diskussion um solche Untersuchungen \u2013 auch bei Mediator_innen, Coaches u.\u00e4. Berufsgruppen \u2013 ansto\u00dfen:<\/p>\n<p><strong>1.<\/strong> <b><strong>Lassen sich Emotionen messen?<\/strong><\/b><\/p>\n<p>Mit den Untersuchungen von Seehausen und Kolleg_innen folgen sie einer gewissen \u201eNeuromythologie\u201c (<em>Hasler,<\/em> 2014), die den Eindruck vermittelt, \u201edie Hirnforschung wisse genau Bescheid \u00fcber die biologischen Vorg\u00e4nge, die unserem Erleben, Denken und Handeln zugrunde liegen.\u201c (<em>Hasler, <\/em>2014, S. 8) H\u00e4ufig wird in diesen Konzepten mit den M\u00f6glichkeiten, bestimmte Ver\u00e4nderungen am Gehirn (z.B. w\u00e4hrend einer Rechenaufgabe) mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) sehen zu k\u00f6nnen und damit Beweise zu liefern, wie das Gehirn im Detail arbeitet. Auch diese Annahme wurde von <em>Fitsch<\/em> (2014, vgl. auch <em>Harnack,<\/em> 2015) gr\u00fcndlich widerlegt. Unterst\u00fctzt wird diese \u201eNeuromythologie\u201c u.a. durch Neurobiologen, die in umfangreichen Monographien sich mit \u201eNeurobiologischen Grundlagen wirksamer Ver\u00e4nderungskonzepte\u201c zu erkl\u00e4ren suchen, warum sich Menschen \u00e4ndern und wie genau das \u201eneurobiologisch\u201c von statten geht (<em>Roth\/Ryba<\/em> 2016).<\/p>\n<p>Neben diesen sehr grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen hat die hier vorgelegte Ver\u00f6ffentlichungen einige Schw\u00e4chen, die erst \u201eausgemerzt\u201c werden k\u00f6nnen, wenn die Originalpublikationen gelesen werden.<\/p>\n<p><strong>\u00a02. <\/strong><b><strong>Es fehlen Aussagen zur Signifikanz der erhobenen Daten <\/strong><\/b><\/p>\n<p>Auch wenn dieser Artikel lediglich eine Zusammenfassung der sehr aufw\u00e4ndigen Publikationen aus der Zeit von 2012 \u2013 2016 darstellt, w\u00e4re ein Hinweis darauf, wie signifikant die Messergebnisse wichtig gewesen, denn ohne diese statistische Gr\u00f6\u00dfenordnung, sind die gesamten Aussagen dieser Publikation nur schwer zu bewerten.<\/p>\n<p><strong>\u00a03. <\/strong><b><strong>Es fehlen Aussagen zur Limitation der unterschiedlichen Untersuchungen <\/strong><\/b><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Sowohl die eingesetzten Untersuchungsmethoden (fMRA etc.) als auch der Methodenmix (Einsatz von \u201eGer\u00e4ten\u201c und in der Psychologie h\u00e4ufig verwendeter Valenzratings) haben methodische Begrenzungen, die leider nicht geb\u00fchrend zumindest benannt werden, so dass es notwendig ist, die Originalpublikationen zu studieren, um diese Begrenzungen einordnen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>\u00a04. <\/strong><b><strong>Welchen Einfluss hat die \u201eEmpathief\u00e4higkeit\u201c der Interviewer_innen?<\/strong><\/b><\/p>\n<p><em>Seemann<\/em> (2019, S.\u00a0165) formuliert bei der Beschreibung der Studie 3, dass die \u201eInterviewerin angab, sich nicht in die Situation des Probanden hineinversetzen zu k\u00f6nnen.\u201c Dieses interessante Detail macht die Bewertung der Ergebnisse nicht einfacher: denn, es stellt sich ja die Frage, wie die Ergebnisse ausgefallen w\u00e4ren, wenn die Interviewerin sich h\u00e4tte empathisch in die Situation h\u00e4tte hineinversetzen k\u00f6nnen. Und: reicht es \u2013 vom Untersuchungsdesign her \u2013 die Aussage der Interviewerin als Basis f\u00fcr die Ergebnisinterpretation zu nutzen?<\/p>\n<p>Noch einmal: die Originalpublikationen beantworten einen Gro\u00dfteil der aufgeworfenen Fragen zur vorgelegten Ver\u00f6ffentlichung und ich bin \u00fcberzeugt, dass die Ergebnisse der Untersuchungen einen wesentlichen Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der Wirkmechanismen der Mediation beizutragen verm\u00f6gen, aber da die meisten Mediator_innen weder Neurowissenschaften, noch Psychologie oder Medizin studiert haben, ist es besonders wichtig, die Daten so aufzuarbeiten, dass auch \u201eLaien\u201c sicher argumentieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li>Fitsch, H. (2014): \u2026 dem Gehirn beim Denken zusehen? Sicht und Sagbarkeiten in der funktionellen Magnetresonanztomographie. Bielefeld: transcript<\/li>\n<li>Harack, K. (2015): Die Neurowissenschaften \u2013 eine Einf\u00fchrung. Die Mediation 2015: 20 \u2013 23<\/li>\n<li>Harnack, K. (2019): Paltering \u2013 wie man mit Wahrheiten l\u00fcgen kann. Die Mediation III\/2019: 26 \u2013 27<\/li>\n<li>Hasler, V. (2014): Neuromythologie \u2013 Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: transcript, 4. Auflage<\/li>\n<li>Roth, G., Ryba, A. (2016): Coaching, Beratung und Gehirn &#8211; Neurobiologische Grundlagen wirksamer Ver\u00e4nderungskonzepte. Stuttgart: Klett, 2. Auflage<\/li>\n<li>Seehausen, M., Kazzer, P., Bajbouj, M., Prehn, K. (2012): Effects of empathic paraphrasing \u2013 extrinsic emotion regulation in social conflict. Frontiers in Psychology 3: 482 (doi: 10.3389\/psyg.2012.00482)<\/li>\n<li>Seehausen, M., Kazzer, P., Bajbouj, M., Heekeren, H.R., Jacobs, A.M., Klann-Delius, G., Menninghaus, W., Prehn, K. (2016): Effects of empathic social responses on the emotions oft he recipient. Brain and Cognition 103: 50-61 (doi.org\/10.1016\/j.bandc.2015.11.004)<\/li>\n<li>Seehausen, M., Kazzer, P., Bajbouj, M., Heekeren, H.R., Jacobs, A.M., Klann-Delius, G., Menninghaus, W., Prehn, K. (2013): Talking about social conflict in the MRI scanner: neural correlates of being empathized with. NeuroImage 84 (2014): 951 \u2013 961 (dx.doi.org\/10.1016\/j.neuroimage.2013.09.056)<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit gro\u00dfem Interesse habe ich die Zusammenfassung der drei Studien (Seehausen, ZKM 2019, 164 ff., siehe auch\u00a0Blogbeitrag Seehausen\u00a0vom 21.10.) gelesen, die belegen, dass Paraphrasieren ein wirksamer Ansatz (nicht nur) in der Mediation darstellt. Grunds\u00e4tzlich \u2013 so werden vermutlich die meisten Medatior_innen \u2013 diese Ergebnisse der Untersuchungen best\u00e4tigen, ohne dass sie aufw\u00e4ndige Forschung dazu betrieben h\u00e4tten. 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