{"id":256,"date":"2019-11-03T20:33:50","date_gmt":"2019-11-03T19:33:50","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=256"},"modified":"2019-11-03T20:33:50","modified_gmt":"2019-11-03T19:33:50","slug":"antwort-auf-klaus-dieter-neander-blogbeitrag-vom-25-10-2019","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/11\/03\/antwort-auf-klaus-dieter-neander-blogbeitrag-vom-25-10-2019\/","title":{"rendered":"Antwort auf Klaus-Dieter Neander (Blogbeitrag vom 25.10.2019)"},"content":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich mich bei Herrn <em>Neander<\/em> f\u00fcr seinen Kommentar zu meiner j\u00fcngsten Ver\u00f6ffentlichung in der ZKM (Die emotionale Wirkung von Paraphrasieren, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.05.a.02\"><em>Seehausen<\/em>, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:164%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2019, 164<\/a> ff.<\/a>) \u00a0und das von ihm ausgesprochene Kompliment bedanken. Ich freue mich \u00fcber die Resonanz auf den Artikel und begr\u00fc\u00dfe die genauere Auseinandersetzung mit den Ergebnissen, die Herr <em>Neander<\/em> angeregt hat. Eine kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Untersuchungen und deren Aussagen und Limitationen auch unter \u201eLaien\u201c ist sehr wichtig. Dies gilt f\u00fcr die Neurowissenschaft vielleicht mehr als f\u00fcr andere Disziplinen, zum einen, weil es sich um eine vergleichsweise junge Wissenschaft handelt, zum anderen, weil in den letzten Jahren eine regelrechte Modeerscheinung rund um die Neurowissenschaft entstanden ist, innerhalb derer urspr\u00fcnglich seri\u00f6se wissenschaftliche Forschung in Praxiskreisen (z.B. im Bereich Training und Coaching) leider manchmal mit einer pauschalisierten Darstellung der Ergebnisse zur Unterst\u00fctzung von Behauptungen und Methoden herangezogen werden, deren Wirkung sich damit gar nicht beweisen l\u00e4sst und auch nie bewiesen werden sollte. Dies geschieht sicherlich im besten Wissen und Gewissen aller Beteiligten, trotzdem pl\u00e4diere ich pers\u00f6nlich f\u00fcr einen h\u00f6chst achtsamen Umgang mit S\u00e4tzen wie \u201eDie Neurowissenschaft hat gezeigt, dass&#8230;\u201c und kann mich Herrn <em>Neanders<\/em> Mahnung nur anschlie\u00dfen, nicht alles blind zu glauben, was das Wort Neurowissenschaft im Satz hat. Meiner Meinung nach entsteht dieser Effekt allerdings nicht in wissenschaftlichen Fachkreisen, in denen die Limitationen unserer Methoden gut bekannt sind, sondern sp\u00e4ter im Verbreitungsprozess, wenn Ergebnisse allzu eifrig generalisiert und instrumentalisiert werden. Die Neurowissenschaft befindet sich als Disziplin noch im Stadium der Adoleszenz und ist weit davon entfernt, unser gesamtes Denken, F\u00fchlen und Verhalten zu entschl\u00fcsseln. Daf\u00fcr ist das Gehirn viel zu komplex. Auch dienen ein bis drei Studien nicht dazu, irgendetwas zu beweisen, daf\u00fcr braucht es eine viel gr\u00f6\u00dfere Anzahl an Versuchsreplikationen. (Noch weniger lassen sich \u00fcbrigens Dinge einfach \u201egr\u00fcndlich widerlegen\u201c.) Unsere Untersuchungen konnten bestimmte Effekte dreimal nachweisen, ob diese Effekte allgemeine G\u00fcltigkeit beanspruchen k\u00f6nnen, wird sich noch zeigen. Als Wissenschaftler vergessen wir vielleicht manchmal, das zu sagen, weil es f\u00fcr uns so selbstverst\u00e4ndlich ist. Umso besser, wenn uns jemand daran erinnert, und noch besser, wenn ein qualifizierter Austausch zwischen Wissenschaftlern und Praktikern stattfindet.<\/p>\n<p><strong>Zu Punkt 1 in Herrn <em>Neanders<\/em> Kommentar: Lassen sich Emotionen messen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Messung von Gef\u00fchlen erfolgte in unseren Studien durch die simple Selbstauskunft der Probanden (\u201eWie gut oder schlecht f\u00fchlen Sie sich gerade?\u201c) auf einer Skala von -4 bis 4. Die psychophysiologischen Daten bieten zus\u00e4tzliche Informationen \u00fcber die Intensit\u00e4t der Emotionen, da sie widerspiegeln, wie hoch das physiologische Erregungsniveau der Person in einem gegebenen Moment ist. Was jemand jedoch genau f\u00fchlt (\u00c4rger, Angst, etc.), kann mit psychophysiologischen wie auch neuronalen Daten nur in sehr begrenztem Rahmen, wenn \u00fcberhaupt, identifiziert werden. Entsprechend haben wir die Daten auch nicht in diese Richtung interpretiert.<\/p>\n<p>Die neuronale Basis von Emotionen (im Sinne von: Welche Areale sind in die Generierung und Regulierung von Emotionen involviert?) ist mittlerweile gut untersucht und von zahlreichen Studien repliziert worden (f\u00fcr eine \u00dcbersicht siehe z.B. <em>Ochsner<\/em> et al., 2012). Das Ziel unseres Forschungsprojekts war an dieser Stelle allerdings nur, erste neuronale Korrelate zu den Prozessen zu liefern, die durch das Empfangen von empathischen und unempathischen \u00c4u\u00dferungen ausgel\u00f6st werden. Da wir die ersten neurowissenschaftlichen Studien zu diesem Thema durchgef\u00fchrt haben, k\u00f6nnen unsere fMRT-Daten nur als erster Schritt zum besseren Verst\u00e4ndnis der Verarbeitung von empathischem Paraphrasieren gelten, auf dem dann von sp\u00e4teren Studien aufgebaut werden kann. Dass Paraphrasieren Emotionen und Gef\u00fchle regulieren kann, wird vor allem durch die Selbstauskunft der Probanden sowie die physiologischen Daten gest\u00fctzt. Die neuronalen Daten beleuchten demgegen\u00fcber genauer, welche Prozesse im Gehirn vermutlich bei der Verarbeitung von Paraphrasen vonstattengehen (auf der Basis der Areale, die aktiv werden und bereits von einer verl\u00e4sslichen Anzahl anderer Studien mit bestimmten kognitiven und emotionalen Prozessen in Verbindung gebracht wurden). Dies ist zugegebenerma\u00dfen f\u00fcr Wissenschaftler vermutlich interessanter als f\u00fcr Mediatoren, weshalb ich die Darstellung der neuronalen Ergebnisse auch kurzgehalten habe.<\/p>\n<p><strong>Zu 2: Es fehlen Aussagen zur Signifikanz der erhobenen Daten<\/strong><\/p>\n<p>Die Ver\u00f6ffentlichung konkreter statistischer Daten in popul\u00e4rwissenschaftlichen Schriften ist eher un\u00fcblich, da sie auch dem erkl\u00e4rten Ziel derselben, ein breiteres Publikum zu erreichen, ohne es mit Fachsprache zu erschlagen, entgegenstehen w\u00fcrde. Die Auseinandersetzung mit der Qualit\u00e4t wissenschaftlicher Untersuchungen findet vorher auf der Basis der Fachpublikationen statt. Nichtsdestotrotz begr\u00fc\u00dfe ich auch hier den kritischen Dialog au\u00dferhalb von Fachkreisen und liefere die wichtigsten Ergebnisse gern an dieser Stelle nach. Ich bitte die weniger Statistikbegeisterten, einfach die n\u00e4chsten beiden Abs\u00e4tze zu \u00fcberspringen.<\/p>\n<p>Selbstauskunft:<\/p>\n<p>In allen drei Studien berichteten die Teilnehmer \u00fcber weniger negative Gef\u00fchle w\u00e4hrend\/nach der empathischen Intervention, sowohl im Vergleich zu unempathischen Interventionen (Studie 2: [Haupteffekt von Empathie: F(1,19)=15,014, p &lt;0,001]; Studie 3: [t(21) = 5,48; p &lt;0,001]) und der neutralen Kontrollbedingung (Studie 1:[t (19) = 3,395,p &lt;0,005; Effektgr\u00f6\u00dfe d = 0,76]). Dar\u00fcber hinaus f\u00fchlten sich die Teilnehmer in Studie 3 im Vergleich zu vor der empathischen Paraphrase [t(21) = 5.11, p &lt;0.001] positiver und nach der unempathischen Reaktion negativer als vorher [t(21) = 2.32, p &lt;0.05]. Studie 2 zeigte, dass der positive Effekt auf die Gef\u00fchle der Teilnehmer bei emotional empathischer Reaktion [t(19)= 5.122, p&lt;0.001, Effektgr\u00f6\u00dfe d=1.15] st\u00e4rker war als bei kognitiv empathischer Reaktion [t(19)= 2.410, p &lt;0.05, Effektgr\u00f6\u00dfe d=0.54], aber beide Arten von Empathie erzielten einen signifikanten und starken Effekt.<\/p>\n<p>Psycho-physiologische Ergebnisse:<\/p>\n<p>Entgegen unserer urspr\u00fcnglichen Hypothese zeigten SCR- und HR-Daten, dass die autonome Erregung bei empathischer Paraphrasierung h\u00f6her war als bei unempathischen Interventionen (Studie 1: SCR[t (15) = 2,589; p = 0,021; Effektgr\u00f6\u00dfe d = 0,65]; HR[t (16) = 6,491; p = 0,000; Effektgr\u00f6\u00dfe d = 1,57]; Studie 3: SCR[t(21) = -2,15; p = 0,0449]). Auch in Studie 1 war die BVP-Amplitude w\u00e4hrend der Paraphrasierung geringer als w\u00e4hrend der Kontrollbedingung [t (16) = 2,119; p = 0,050; Effektgr\u00f6\u00dfe d = 0,51] und auch niedriger als bei der anschlie\u00dfenden Interviewfrage [t (13) = 2,381; p = 0,033; Effektgr\u00f6\u00dfe d = 0,64]. Studie 1 zeigte au\u00dferdem, dass das durchschnittliche Stimmvolumen der Teilnehmer geringer war, wenn sie auf eine Interviewfrage nach einer Paraphrase antworteten [t(15)=2,466; p&lt;0,05; Effektgr\u00f6\u00dfe d=0,62]. Andererseits war in Studie 2 das Atemvolumen w\u00e4hrend empathischer Interventionen gr\u00f6\u00dfer, sowohl im Vergleich zu unempathischen Interventionen [Haupteffekt von Empathie: F(1,17)=8,105, p=0,011], als auch zu vorangegangenen negativen Leistungsfeedback [kognitive Empathie: t(17)= &#8211; 3,681, p=0,002; emotionale Empathie: t(17)= -4,355, p&lt;0,001]. Die Probanden atmeten also flacher, wenn sie negatives Feedback oder unempathische Interventionen erhielten, und tiefer, wenn sie empathische Antworten erhielten.<\/p>\n<p><strong>Zu 3: Es fehlen Aussagen zu Limitationen der unterschiedlichen Untersuchungen<\/strong><\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich unterliegt jede wissenschaftliche Untersuchung methodischen und konzeptionellen Limitationen. Die Auseinandersetzung mit denselben ist zwar wichtig,<\/p>\n<p>w\u00fcrde den Rahmen einer popul\u00e4rwissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichung jedoch ebenfalls stark beanspruchen, daher sei an dieser Stelle nur auf die drei wichtigsten verwiesen:<\/p>\n<ol>\n<li>Da es so gut wie keine vorhergehenden quantitativen Untersuchungen zu diesem Thema gab, sind unsere Studien als explorativ einzuordnen. Die Ergebnisse bed\u00fcrfen der Konsolidierung durch weitere Forschung.<\/li>\n<li>Unser Forschungsdesign war auf die Untersuchung von kurzfristigen Effekten von Paraphrasieren ausgelegt. Wir k\u00f6nnen keinerlei Aussagen dar\u00fcber machen, welche psychologischen Prozesse mittel- und langfristig durch diese Technik angeregt werden.<\/li>\n<li>Um Versuchsabbr\u00fcche durch zu stark ver\u00e4rgerte Probanden zu vermeiden, wurden diese (in Studie 3) vorgewarnt, dass die Interviewerin auf 50\u00a0% ihrer \u00c4u\u00dferungen mit Unverst\u00e4ndnis reagieren w\u00fcrde. Dadurch wurde die emotionale Reaktion der Probanden auf die Interventionen sicherlich vermindert. Allerdings betrachten wir dies als relativ unproblematisch, da die Effekte dadurch allenfalls verkleinert, auf keinen Fall verst\u00e4rkt wurden.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Zu 4: Welchen Einfluss hat die \u201eEmpathief\u00e4higkeit\u201c der Interviewer_innen?<\/strong><\/p>\n<p>Hier liegt ein Missverst\u00e4ndnis vor. Die standardisierten Aussagen der Interviewerin (meiner Wenigkeit), den oder die Probandin nicht verstehen zu k\u00f6nnen, geh\u00f6ren zum Untersuchungsdesign und stellen die \u201eunempathische\u201c Bedingung dar. Sie dienen dem Vergleich der emotionalen Reaktion auf empathisches vs. unempathisches Verhalten. Herr <em>Neander<\/em> hat jedoch insofern Recht damit, diese Frage zu stellen, dass sich die empathischen Kompetenzen eines Mediators nat\u00fcrlich in der Qualit\u00e4t seiner Paraphrase widerspiegeln und dass die emotionale Reaktion auf \u201eschlechtes\u201c Paraphrasieren eine andere sein d\u00fcrfte als auf gelungenes Paraphrasieren. Daher haben wir als Qualit\u00e4tskontrolle der Interventionen auch erhoben, wie gut oder schlecht verstanden sich die Probanden bei jeder Paraphrase gef\u00fchlt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich hoffe, damit die von Herrn <em>Neander<\/em> vorgebrachten Punkte zufriedenstellend beantwortet zu haben. F\u00fcr tiefergehende methodische Fragen verweise ich auf die Originalpublikationen, die ich auf Anfrage auch gern zur Verf\u00fcgung stelle.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p><em>Ochsner, K.N., Silvers, J.A. &amp; Buhle, J.T<\/em>. (2012). Functional imaging studies of emotion regulation: A synthetic review and evolving model of the cognitive control of emotion. Ann. N.Y. Acad. Sci. 1251 (2012) E1\u2013E24. doi: 10.1111\/j.1749-6632.2012.06751.x<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst einmal m\u00f6chte ich mich bei Herrn Neander f\u00fcr seinen Kommentar zu meiner j\u00fcngsten Ver\u00f6ffentlichung in der ZKM (Die emotionale Wirkung von Paraphrasieren, Seehausen, ZKM 2019, 164 ff.) \u00a0und das von ihm ausgesprochene Kompliment bedanken. 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