{"id":260,"date":"2019-11-11T09:34:29","date_gmt":"2019-11-11T08:34:29","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=260"},"modified":"2019-11-11T09:34:29","modified_gmt":"2019-11-11T08:34:29","slug":"der-reiz-der-unterschiedlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2019\/11\/11\/der-reiz-der-unterschiedlichkeit\/","title":{"rendered":"Der Reiz der Unterschiedlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Medianden erleben es oftmals als erleichternd, wenn sie auf die Frage \u201eWas f\u00fchrt Sie zu mir?\u201c in der zweiten Phase der Mediation so reden k\u00f6nnen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dabei tut es ihnen gut, wenn sie von ihrem Streitpartner nicht unterbrochen werden. Es geht ihnen darum, dem\/r Mediator*in ihre Version der Geschichte vorurteilsfrei darstellen zu k\u00f6nnen, so wie sie es erlebt haben, ohne einen Zweifel an der Richtigkeit der jeweiligen Aussagen.<\/p>\n<p>Bei einigen Mediand*innen hat sich \u00fcber die Zeit des Konflikts ein wahrer Gef\u00fchlsstau entwickelt; f\u00fcr sie f\u00fchlt sich die Frage nach dem Erlebten an, als w\u00fcrde ein St\u00f6psel ihres inneren Dampfdruckkessels gezogen und die angestaute Energie und der Druck k\u00f6nnen mit einem Mal entweichen. Sie erz\u00e4hlen aufgebracht, sprechen mit einer hohen Emotionalit\u00e4t und lassen sich in ihrer Erz\u00e4hlung kaum unterbrechen. Andere wiederum berichten ruhig und sachlich, wirken \u00fcberlegen durch ihre geordnete Vortragsweise und die Pr\u00e4zision ihrer Aussagen. In der Art und Weise, wie Menschen um ihre subjektive Wahrheit ringen und wie sie sich f\u00fcr die eigenen Interessen und Bed\u00fcrfnisse einsetzen (k\u00f6nnen), unterscheiden sich Menschen (Parteien wie Mediator*innen) teilweise deutlich voneinander.<\/p>\n<p>F\u00fcr wen k\u00f6nnen Sie sich als Mediator*in eher \u00f6ffnen? Mit welchem Verhalten k\u00f6nnen Sie leichter umgehen, was halten Sie weniger gut aus? Wie (re-)agieren Sie selbst, wenn sie mitten in einem Konflikt stecken und gesehen und geh\u00f6rt werden wollen? Die Vorlieben wie auch die Schattenseiten im individuellen Verhaltensrepertoire von Mediator*innen beeinflussen die Gespr\u00e4chsgestaltung in dieser Phase der Mediation mit, lassen sie ruhig und geduldig zuh\u00f6ren oder sich vom Druck der Mediand*innen anstecken.<\/p>\n<p>In jedem Fall ergibt sich f\u00fcr eine*n Mediator*in durch konkretisierende Nachfragen und strukturierende Zusammenfassungen langsam und allm\u00e4hlich ein Bild von den Geschehnissen zwischen den Beteiligten.<\/p>\n<p>H\u00f6ren sie den Mediand*innen nacheinander zu, werden ihnen allerdings in der Regel zwei vollkommen unterschiedliche Versionen des gleichen Konflikts geschildert. Wie kann es dazu kommen? Hat eine Person die \u201erichtige\u201c Version geschildert und die andere weicht davon ab? Wie gehen Sie damit um, wenn die Konfliktgeschichten scheinbar unvereinbar nebeneinanderstehen? W\u00fcrden Sie ausgleichen wollen und beruhigen? Fassen Sie die Konfliktlinien zusammen und heben dadurch den Unterschied noch st\u00e4rker hervor? Wie viel Unterschiedlichkeit k\u00f6nnen Sie selbst aushalten?<\/p>\n<p>Dass sich Erlebtes voneinander unterscheidet, ist vollkommen normal und muss uns als Mediator*innen nicht beunruhigen. Eine Ursache liegt in der unterschiedlichen Wahrnehmung und Bewertung von Situationen. Unterliegen Sie also nicht der Verlockung, nach Gemeinsamkeiten zu suchen, wenn sich die Unterschiedlichkeit gerade so deutlich offenbart. Folgen Sie weiter den Unterschieden: Was ist \u00fcberhaupt vorgefallen? Welches Verhalten wird von wem in welcher Weise als einschr\u00e4nkend erlebt? Woran st\u00f6ren sich die Beteiligten konkret? Und wor\u00fcber m\u00fcssen die Parteien dann sprechen?<\/p>\n<p>In dieser zweiten Phase der Konfliktkl\u00e4rung bewegt sich ein*e Mediator*in immer auf dem schmalen Grad, einerseits Informationen zu ben\u00f6tigen, um den Sachverhalt sowie die Problemkonstellation zu verstehen und andererseits bereits vertiefte Hintergr\u00fcnde und Motive zu erfahren, die eigentlich zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt in der Konflikterhellung gut aufgehoben sind. Die Kunst der Gespr\u00e4chsf\u00fchrung in dieser Phase der Mediation besteht darin, sich die verschiedenen Konfliktgeschichten anzuh\u00f6ren und lediglich relevante Themen herauszufiltern. Die Trennsch\u00e4rfe zwischen den Mediand*innen ist dabei die Orientierungshilfe. In der aktuellen Ausgabe der ZKM (5\/2019) habe ich im Rahmen der Lehrmodulreihe Blickwechsel anhand eines Beispiels demonstriert, wie sich diese Phase strukturieren und aus den Konfliktversionen Themen \u2013 in Abgrenzung zu Positionen, Interessen oder L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen \u2013 ableiten lassen (vgl. <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2019.05.a.03\"><em>Bielecke<\/em>,\u00a0<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2019%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:169%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2019, 169<\/a> ff<\/a>.).<\/p>\n<p>Als Mediator*in m\u00fcssen Sie dennoch zu jedem Zeitpunkt der Mediation ausstrahlen, dass sich Gegens\u00e4tze \u00fcberwinden lassen und die Mediation auch und gerade angesichts der vielen Unterschiede in den Sichtweisen, Einstellungen und Grundwerten, erfolgreich sein kann. Parteien d\u00fcrfen verschieden sein, ihre Erlebnisse d\u00fcrfen sich voneinander unterscheiden \u2013 es gilt, den Konflikt auszuhalten, wie er Ihnen als Mediator*in angeboten wird.<\/p>\n<p>Die Phase 2 \u201eSchilderung des Sachverhalts und Sammlung \/ Priorisierung von Themen\u201c enth\u00e4lt zahlreiche Verlockungen, ausgleichend und harmonisierend einwirken zu wollen. Es lohnt sich als Mediator*in, die eigene F\u00e4higkeit zur Trennsch\u00e4rfe f\u00fcr sich selbst unter die Lupe zu nehmen. Je gelassener Sie mit der Unterschiedlichkeit von Menschen umgehen k\u00f6nnen, umso leichter wird Ihnen die Begleitung von Konfliktbeteiligten in diesem Schritt der Konfliktkl\u00e4rung fallen. Ausf\u00fchrlich hierzu in meinem Beitrag \u201eKonfliktf\u00e4higkeit &#8211; Kann man \u201arichtig streiten\u2018 lernen?\u201c (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2017.05.a.04\"><em>Bielecke<\/em>, <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/suche?q=%5B%7B%22txt%22:%22pubyear:2017%22%7D,%7B%22txt%22:%22source_page:177%22%7D,%7B%22txt%22:%22all_source_2:zkm%22%7D%20%5D\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow\">ZKM 2017, 177<\/a> ff.<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Medianden erleben es oftmals als erleichternd, wenn sie auf die Frage \u201eWas f\u00fchrt Sie zu mir?\u201c in der zweiten Phase der Mediation so reden k\u00f6nnen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Dabei tut es ihnen gut, wenn sie von ihrem Streitpartner nicht unterbrochen werden. 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