{"id":309,"date":"2020-03-31T13:39:43","date_gmt":"2020-03-31T11:39:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=309"},"modified":"2020-04-14T10:17:29","modified_gmt":"2020-04-14T08:17:29","slug":"nur-ein-ausbildungsmarkt-mediationsausbildungen-entfalten-wirkung-auf-vielen-ebenen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2020\/03\/31\/nur-ein-ausbildungsmarkt-mediationsausbildungen-entfalten-wirkung-auf-vielen-ebenen\/","title":{"rendered":"Nur ein Ausbildungsmarkt? Mediationsausbildungen entfalten Wirkung auf vielen Ebenen!"},"content":{"rendered":"<p style=\"color: #000000; font-family: Calibri; padding-left: 57px\">Ko-Autorin:<br \/>\nProf. Dr. Ulla Gl\u00e4\u00dfer<br \/>\nMaster-Studiengang Mediation, Institut f\u00fcr Konfliktmanagement, Europa-Universit\u00e4t Viadrina<\/p>\n<p>Wir wissen nach wie vor relativ wenig \u00fcber die Zahl der in Deutschland real durchgef\u00fchrten Mediationen. Nur ganz punktuell liegen systematische Erhebungen vor \u2013 etwa f\u00fcr den Bereich der g\u00fcterichterlichen Mediation oder von einzelnen Unternehmen, die die T\u00e4tigkeit ihrer internen Mediatoren dokumentieren.<\/p>\n<p>Auch \u00fcber die fehlende statistische Erfassung von Mediationsf\u00e4llen hinaus ist \u2013 im deutschsprachigen Raum wie international \u2013 bez\u00fcglich der Effekte von Mediationsausbildungen eine erhebliche Forschungsl\u00fccke zu konstatieren.<\/p>\n<p>Mit dieser Herausforderung war auch die von der Bundesregierung beauftragte und 2017 ver\u00f6ffentlichte Evaluation \u00fcber die Auswirkungen des Mediationsgesetzes auf die Entwicklung der Mediation und \u00fcber die Situation der Aus- und Fortbildung von Mediatorinnen in Deutschland konfrontiert. \u00dcber eine Befragung der in den Mediationsverb\u00e4nden organisierten Mediatoren wurde versucht, Genaueres dazu zu erfahren \u2013 mit dem f\u00fcr viele sehr ern\u00fcchternden, hier bewusst verk\u00fcrzten und zugespitzten Fazit: \u201eNicht viel los im Feld der Mediation\u201c (im Originalton ist mit Blick auf die Fallzahlen mehrfach von \u201eStagnation auf niedrigem Niveau die Rede, s. S. 47 und S. 144 des <a href=\"https:\/\/www.bmjv.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Service\/StudienUntersuchungenFachbuecher\/Evaluationsbericht_Mediationsgesetz.html\">Evaluationsberichts<\/a>). Dies stand im Einklang mit dem seit vielen Jahren ge\u00e4u\u00dferten, vermeintlichen Befund (der jedoch trotz seiner Verbreitung keine solide empirische Grundlage hat), dass es sich bei Mediation vor allem um einen Ausbildungsmarkt handele.<\/p>\n<p>Ist eine Mediationsausbildung also eine Fehlinvestition, die sich jedenfalls mit Blick auf den m\u00f6glichen Ertrag sp\u00e4terer Mediationst\u00e4tigkeit in der Regel nicht rechnet? Finanzieren sich Mediationsausbilderinnen \u2013 mangels eigener wirtschaftlicher Existenzsicherung durch Mediationst\u00e4tigkeit \u2013 im Grunde vor allem durch die Weiterbildungsgeb\u00fchren ihrer Teilnehmenden und vermitteln (wissentlich und gewissenlos) eine brotlose Kunst?<\/p>\n<p>Mit der hier vorgestellten deutsch-d\u00e4nischen Studie \u00fcber die Erfahrungen von Absolventen zweier Mediations-Studieng\u00e4nge werfen wir zum einen mehr Licht ins Dunkel der tats\u00e4chlichen Mediationspraxis. Zum anderen pl\u00e4dieren wir f\u00fcr einen sehr viel differenzierteren Blick auf die Wirkungen einer Mediationsausbildung \u2013 bewusst auch jenseits der wirtschaftlichen T\u00e4tigkeit. Als Ausbilderinnen mit jahrzehntelanger T\u00e4tigkeit kennen wir zahllose, pers\u00f6nlich oft sehr anr\u00fchrende Berichte dar\u00fcber, wie die Inhalte und das Erleben der Ausbildung im beruflichen und privaten Alltag der Ausgebildeten Wirkung entfalten \u2013 und teilweise sogar Leben ver\u00e4ndern. Zugleich stehen wir mit dieser intensiven Verbundenheit zum Feld im Risiko, die Wirkung von Ausbildungen zu \u00fcbersch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Dies war f\u00fcr uns ein Grund mehr, unser \u201egef\u00fchltes Wissen\u201c einer empirischen Probe zu unterziehen. Gemeinsam mit unserer d\u00e4nischen Kollegin Prof. Dr. Lin Adrian, die an der Universit\u00e4t Kopenhagen einen Studiengang zu Mediation verantwortet, der dem von uns geleiteten Studiengang Mediation und Konfliktmanagement an der Europa-Universit\u00e4t Viadrina in vieler Hinsicht gleicht, f\u00fchrten wir daher eine Befragung aller bisherigen Absolventen (insgesamt rund 600 Alumni) durch.<\/p>\n<p>F\u00fcr die deutsche Stichprobe der Berufst\u00e4tigen ergab sich eine erfreulich hohe R\u00fccklaufquote von 36 Prozent, deren Ergebnisse wir in der <a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2020.02.i.0044.01.a\">ZKM 2\/2020 44 ff.<\/a> detailliert vorstellen. (Der Beitrag steht auch als <a href=\"https:\/\/www.centrale-fuer-mediation.de\/downloads.htm\">kostenloses Download<\/a> auf der Website der ZKM zur Verf\u00fcgung.) Wir beschreiben die Wirkungen des Mediationsstudiums im beruflichen und pers\u00f6nlichen Umfeld sowie, dar\u00fcber hinausweisend, auch im gesellschaftlichen Bereich.<\/p>\n<p>Im Einzelnen zeigen wir zun\u00e4chst die hohe Relevanz der Studieninhalte f\u00fcr den Arbeitsalltag der Absolventinnen; dabei beschreiben wir sowohl die vielschichtigen Formen der konkreten Anwendung der erlernten Kompetenzen \u00fcber das eigentliche Mediieren hinaus als auch die Effekte f\u00fcr das pers\u00f6nliche Wohlbefinden und die Atmosph\u00e4re am Arbeitsplatz. Insbesondere wird von den Befragten der deutliche Mehrwert der Ausbildung f\u00fcr die bessere Wahrnehmung der eigenen F\u00fchrungsrolle betont.<\/p>\n<p>Bei den wahrgenommenen Wirkungen des Studiums im Bereich des Privatlebens spielt insbesondere der Beitrag zu einem besseren Umgang mit eigenen Konflikten eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Die Wirkungen des Studiums gehen \u00fcber den unmittelbar pers\u00f6nlichen und beruflichen Bereich hinaus. Ausgebildete Mediatoren pr\u00e4gen die Mediationslandschaft mit und handeln auch dar\u00fcber hinaus in vielf\u00e4ltiger Weise als \u201eagents of change\u201c: Sie sind zu einem bedeutsamen Anteil ehrenamtlich als Mediatorin t\u00e4tig. Sie halten Vortr\u00e4ge zu Mediation und\/oder Konfliktmanagement und ver\u00f6ffentlichen in diesem Themenbereich. Sie tragen dazu bei, dass in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten Wissen \u00fcber Mediation vermittelt wird und sie wirken daran mit, dass Mediation oder andere Formen des Konfliktmanagements eingef\u00fchrt bzw. gef\u00f6rdert werden. All diese Befunde finden sich in erstaunlich vergleichbarer Weise auch in der d\u00e4nischen Stichprobe.<\/p>\n<p>Insgesamt zeigt die Studie eindrucksvoll, dass Mediationsausbildungen nicht nur auf die T\u00e4tigkeit als (freiberuflicher) Mediator vorbereiten, sondern auf vielen Ebenen Fr\u00fcchte tragen. Der gesch\u00e4rfte Blick auf Konflikte und deren Bearbeitungsm\u00f6glichkeiten sowie das erlernte Handwerkszeug sind sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich nutzbringend f\u00fcr die Ausgebildeten und deren Umfeld einsetzbar. Die vermittelte verst\u00e4ndnis- und interessenorientierte Haltung und die \u00dcberzeugung, dass sich ein mediativer Umgang mit Konflikten und Entscheidungssituationen lohnt, haben das Potential, die Streitkultur einer Familie, Organisation und letztlich sogar einer Gesellschaft positiv zu ver\u00e4ndern. Mediationsausbildungen tun aus unserer Sicht sehr gut daran, all diese Wirkebenen \u2013 die beruflichen, die privaten ebenso wie die gesellschaftspolitischen \u2013 explizit zu adressieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ko-Autorin: Prof. Dr. Ulla Gl\u00e4\u00dfer Master-Studiengang Mediation, Institut f\u00fcr Konfliktmanagement, Europa-Universit\u00e4t Viadrina Wir wissen nach wie vor relativ wenig \u00fcber die Zahl der in Deutschland real durchgef\u00fchrten Mediationen. 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