{"id":875,"date":"2024-07-29T12:53:04","date_gmt":"2024-07-29T10:53:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/?p=875"},"modified":"2024-07-29T12:53:04","modified_gmt":"2024-07-29T10:53:04","slug":"diskursethik-und-large-language-modelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/mediation\/2024\/07\/29\/diskursethik-und-large-language-modelle\/","title":{"rendered":"Diskursethik und Large Language Modelle"},"content":{"rendered":"<p>Mediatoren arbeiten mit der Sprache. Die Wichtigkeit von Sprache ist gestiegen, seit alle Welt die Nutzung von Large Language Modellen (LLMs), die aktuell eine neue Stufe von KI erm\u00f6glichen, fokussiert. Beim sogenannten Prompten, also dem Stellen von Fragen an das Modell und zur Nutzung, zum Auffinden und Einbinden von digitalen Quellen ist ein pr\u00e4ziser und pr\u00e4gnanter Umgang mit menschlicher Sprache erforderlich, um den gew\u00fcnschten Nutzen zu erzielen. Andernfalls m\u00e4andert das digitale Sprachmodell irrlichternd durch die neuronalen Netzwerke der virtuellen Welten und verwirrt mit Antworten, die an der Fragestellung vorbeigehen.<\/p>\n<p>Sprache ist aber seit jeher und weiterhin viel mehr als ein Werkzeug f\u00fcr die Anwendung von generativer KI \u00fcber gro\u00dfe Sprachmodelle. Sprache macht uns zu Menschen. Sie erm\u00f6glicht uns, zu versuchen, die Welt zu erkl\u00e4ren und uns selbst zu verstehen. Sie ist das Medium, mit dem wir ethische und moralisch Fragen stellen und zu beantworten versuchen.<\/p>\n<p>In meinem Beitrag \u201e<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2024.00.o.s015.01.a\"><strong>Sprache und Gerechtigkeit: Diskursethik und Large Language Modelle<\/strong><\/a>\u201c f\u00fcr die <strong>ZKM<\/strong> versuche ich einen Bogen von der Nutzung von Sprache im Sinne eines philosophischen Ansatzes \u00fcber Sprachtheorien wie die Diskursethik bis hin zu den Wirkmechanismen in der Digitalwelt zu spannen.<\/p>\n<p>Inspiriert von der Erinnerung an ein Proseminar an der Hochschule f\u00fcr Politik in M\u00fcnchen vor Jahrzehnten und eine damals von mir verfasste Arbeit \u00fcber J\u00fcrgen Habermas Diskursethik hat mich der Gedanke seit Monaten immer wieder gestreift, ob die philosophisch beschriebenen Wirkmechanismen von Sprache eine Korrelation zur Relevanz von Sprache in der neuen digitalen Welt haben.<\/p>\n<p>Die Diskursethik betont die Bedeutung der Sprache als Medium f\u00fcr die Verst\u00e4ndigung und die Formulierung von Normen. Durch sprachlichen Austausch k\u00f6nnen Individuen gemeinsame Werte und Normen entwickeln, die sie als gerecht ansehen. Dies geschieht dann, wenn in einem diskursiven Prozess alle Beteiligten gleichberechtigt teilnehmen und die jeweiligen Standpunkte in einem offenen und respektvollen Dialog verteidigt und best\u00e4tigt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>ChatGPT und andere gro\u00dfe Sprachmodelle versuchen im Grunde immer, eine \u201evern\u00fcnftige Fortsetzung\u201c eines beliebigen Textes zu erstellen, wobei mit \u201evern\u00fcnftig\u201c gemeint ist, was man erwarten k\u00f6nnte, nachdem man gesehen hat, was Menschen auf Milliarden von Webseiten usw. geschrieben haben. Im Prinzip findet im Internet und in allen digitalen Quellen ein weltumspannender Diskurs \u00fcber alle Fragen der Menschheit statt. Dieses Diskurses bedient sich die Maschine und versucht auf entsprechenden Befehl hin, ein Kondensat von Meinungen zu erstellen und dieses anhand der Quellen\u00fcbersicht zu gewichten, zu bewerten und einzuordnen, um dann eine Antwort zu erstellen. LLMs arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten.<\/p>\n<p>Wahrscheinlichkeiten sind auch die Basis f\u00fcr philosophische Ans\u00e4tze zur Wahrheitssuche in modernen philosophischen Theorien. Gem\u00e4\u00df den Erkenntnissen \u00fcber die empirische Falsifikation von Karl Popper sind wissenschaftliche Theorien lediglich unsichere Spekulationen, die durch die Suche nach widersprechenden Beobachtungen umgesto\u00dfen werden sollen. Eine Hypothese kann durch ein Testergebnis nicht best\u00e4tigt werden, sondern besagt lediglich, dass sie noch nicht widerlegt worden ist. Dies f\u00fchrt im Ergebnis dazu, dass Wahrheit und Wissenschaft durch mehr Wahrscheinlichkeit ersetzt werden.<\/p>\n<p>In meinem Artikel versuche ich Impulse f\u00fcr eine Verkn\u00fcpfung von Diskursethik und LLMs zu adressieren, die auch f\u00fcr die Praxis in der Mediation Anregungen zum Weiterdenken er\u00f6ffnen sollen. Mediatoren werden zum einen nicht umhinkommen, LLMs auch in gewissem Umfang in ihre T\u00e4tigkeit zu integrieren, zum anderen werden alle Themen, die zu mediieren sind, zuk\u00fcnftig von Wirkkr\u00e4ften aus der Welt der K\u00fcnstlichen Intelligenz beeinflusst sein. Sei es unmittelbar im Kern des Konflikts oder durch Gestaltungskr\u00e4fte, die die Welt unseres Zusammenlebens insgesamt betreffen. Damit wir nicht in ein transhumanes Zeitalter abdriften, m\u00fcssen wir das Eindringen von KI in Fragen von Recht und Moral, Ethik und Norm mitbedenken, um letztlich in unserem Wirken als Mediatoren die Stellung des Menschen \u00fcber allen Maschinen stehend zu verteidigen. Gerade in der Mediation k\u00f6nnen wir diesen Anspruch verwirklichen: Im Mittelpunkt der Mensch.<\/p>\n<p><strong>Hinweis der Redaktion<\/strong>: Ausf\u00fchrlich zum <em>Thema Eder<\/em>, Sprache und Gerechtigkeit: Diskursethik und Large Language Modelle, in ZKM 4\/2024 in ZKM 4\/2024 (<a href=\"https:\/\/online.otto-schmidt.de\/db\/dokument?id=zkm.2024.00.o.s015.01.a\">ZKM0069569<\/a>) &#8211; auch im Rahmen eines kostenlosen <a href=\"https:\/\/www.otto-schmidt.de\/beratermodul-zkm-zeitschrift-fur-konfliktmanagement-9783504391133\">Datenbanktests<\/a> verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mediatoren arbeiten mit der Sprache. 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