{"id":254,"date":"2020-10-23T17:13:21","date_gmt":"2020-10-23T15:13:21","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/erbschaftsteuerrecht\/?p=254"},"modified":"2020-10-23T17:13:21","modified_gmt":"2020-10-23T15:13:21","slug":"vorbehalt-eines-nachrangigen-niessbrauchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/steuerrecht\/2020\/10\/23\/vorbehalt-eines-nachrangigen-niessbrauchs\/","title":{"rendered":"Vorbehalt eines nachrangigen Nie\u00dfbrauchs"},"content":{"rendered":"<p>Der <strong>BFH<\/strong> hat entschieden, dass \u00a7\u00a06 Abs.\u00a01 BewG nicht f\u00fcr einen am Stichtag entstandenen, aber nachrangigen Nie\u00dfbrauch gilt und bei der Schenkungsteuerfestsetzung der vorrangige und der nachrangige lebenslange Nie\u00dfbrauch (als einheitliche Last) nur einmal mit dem h\u00f6heren Vervielf\u00e4ltiger gem. \u00a7\u00a014 BewG zu ber\u00fccksichtigen sind.<\/p>\n<p>Im Fall hatte die Kl\u00e4gerin (Kl.) von ihrer Mutter (M) einen GbR-Anteil unter Nie\u00dfbrauchsvorbehalt geschenkt bekommen. In 2010 verschenkte sie diesen Anteil an ihre T\u00f6chter S (Az. d. BFH II R 11\/19) und T (Az. d. BFH II R 12\/19) \u2013 die Enkelinnen der M \u2013 wiederum unter Nie\u00dfbrauchsvorbehalt, wobei der Nie\u00dfbrauch der M vorrangig vor dem der Kl. fortbestehen sollte. W\u00e4hrend das <strong>FA nur den<\/strong> <strong>Nie\u00dfbrauch der M<\/strong> i.R.d. \u00a7\u00a025 ErbStG a.F. ber\u00fccksichtigte, <strong>begehrte die Kl. die Ber\u00fccksichtigung des Kapitalwertes des nachrangigen Nie\u00dfbrauchs.<\/strong><\/p>\n<p>Die Entscheidung des BFH soll anhand eines <strong>Zahlenbeispiels <\/strong>erl\u00e4utert werden, wobei <strong>von folgenden Daten ausgegangen werden soll<\/strong>:<\/p>\n<table style=\"height: 177px\" width=\"650\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"158\">Steuerwert des GbR-Anteils<\/td>\n<td width=\"151\">600.000\u00a0\u20ac<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\">Jahreswert der Nutzung<\/td>\n<td width=\"151\">10.000\u00a0\u20ac<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\">Alter der M<\/td>\n<td width=\"151\">80 Jahre<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\">Alter der Kl.<\/td>\n<td width=\"151\">55 Jahre<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das FA veranlagte danach wie folgt:<\/strong><\/p>\n<table style=\"height: 207px\" width=\"650\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Bereicherung des Erwerbers<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>600.000\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Freibetrag, \u00a7\u00a016 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>400.000\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuerpflichtiger Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>200.000\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuer 11\u00a0%<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>22.000\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ermittlung Stundungsbetrag gem. \u00a7\u00a025 ErbStG:<\/strong><\/p>\n<table style=\"height: 411px\" width=\"651\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>600.000\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Kapitalwert Nie\u00dfbrauch M in 2010 (10.000\u00a0\u20ac x 7,125 [Vervielf\u00e4ltiger], BMF v. 1.10.2009, BStBl.\u00a0I 2019, 1168)<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>71.250\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Bereicherung des Erwerbers<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>528.750\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Freibetrag, \u00a7\u00a016 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>400.000\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuerpflichtiger Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>128.750\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Abgerundet, \u00a7\u00a010 Abs.\u00a01 Satz\u00a06 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>128.700\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuer 11\u00a0% sofort f\u00e4llig<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>14.157\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Zu stundende Steuer gem. \u00a7\u00a025 ErbStG a.F.<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>7.843\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Das FA begr\u00fcndete die Berechnung damit, dass es sich beim Nie\u00dfbrauch der Kl. um eine Last handele, deren Entstehung <strong>vom<\/strong> <strong>Eintritt einer aufschiebenden Bedingung abh\u00e4ngig<\/strong> sei und deshalb nach \u00a7\u00a06 Abs.\u00a01 BewG <strong>nicht zu ber\u00fccksichtigen<\/strong> sei.<\/p>\n<p><strong>Die Kl.<\/strong> begehrte dagegen den Abzug des ihr zustehenden Nie\u00dfbrauchs und <strong>ermittelte den Stundungsbetrag<\/strong> wie folgt:<\/p>\n<table style=\"height: 437px\" width=\"650\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>600.000\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Kapitalwert Nie\u00dfbrauch Kl. in 2010<\/em><br \/>\n<em>(10.000\u00a0\u20ac x 14,759 [Vervielf\u00e4ltiger],<\/em><br \/>\n<em>BMF v. 1.10.2009, BStBl.\u00a0I 2019, 1168)<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>147.590\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Bereicherung des Erwerbers<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>452.410\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Freibetrag, \u00a7\u00a016 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>400.000\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuerpflichtiger Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>52.410\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Abgerundet, \u00a7\u00a010 Abs.\u00a01 Satz\u00a06 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>52.400\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuer 7\u00a0% sofort f\u00e4llig<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>3.668\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Zu stundende Steuer gem. \u00a7\u00a025 ErbStG a.F.<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>18.332\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie trug vor, dass der ihr einger\u00e4umte <strong>Nie\u00dfbrauch unbedingt<\/strong>, <strong>aber nachrangig<\/strong> zum Nie\u00dfbrauch der M entstanden sei. Auch dieser nachrangige Nie\u00dfbrauch unterliege dem Abzugsverbot und der Stundungsregelung des \u00a7\u00a025 Abs.\u00a01 ErbStG a.F.<\/p>\n<p><strong>Der BFH ist der Argumentation der Kl. gefolgt<\/strong> und hat der Revision gegen das Urteil des FG M\u00fcnchen (FG M\u00fcnchen v. 15.11.2017 \u2013 4 K 204\/15) stattgegeben. Es st\u00fctzt sich dabei auf den <strong>Wortlaut des \u00a7\u00a06 Abs.\u00a01 BewG<\/strong>, der auf die rechtliche \u201eEntstehung\u201c der Verpflichtung und nicht auf die M\u00f6glichkeit der Geltendmachung oder zwangsweise Durchsetzung durch den Berechtigten abstellt. Die Entstehung des nachrangigen Nie\u00dfbrauchs wird durch die Existenz des vorrangigen \u00e4lteren Nie\u00dfbrauchs nicht verhindert.<\/p>\n<p>Der BFH hat dar\u00fcber hinaus entschieden, dass der <strong>vorrangige und der nachrangige Nie\u00dfbrauch als einheitliche Last<\/strong> nur einmal, aber mit dem jeweils h\u00f6heren Vervielf\u00e4ltiger abgezogen werden k\u00f6nnen, denn die Mehrheit von Nutzungsberechtigten f\u00fchrt nicht zu einer zus\u00e4tzlichen Last, sondern allenfalls einer Verl\u00e4ngerung der Belastungsdauer.<\/p>\n<p><strong>Praxishinweise:<\/strong><\/p>\n<p><strong>Nach Aufhebung des \u00a7\u00a025 ErbStG <\/strong>mit Wirkung zum 1.1.2009 wird die Steuer, die auf den Nie\u00dfbrauch entf\u00e4llt, nicht mehr nur gestundet, sondern der Nie\u00dfbrauch bei der Ermittlung der Bereicherung des Erwerbs <strong>mit dem Kapitalwert abgezogen<\/strong>. Nach aktueller Rechtslage w\u00e4re die Steuer also wie folgt zu ermitteln:<\/p>\n<table style=\"height: 384px\" width=\"649\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>600.000\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Kapitalwert Nie\u00dfbrauch Kl. in 2010<\/em><br \/>\n<em>(10.000\u00a0\u20ac x 14,759 [Vervielf\u00e4ltiger],<\/em><br \/>\n<em>BMF v. 1.10.2009, BStBl.\u00a0I 2019, 1168)<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>147.590\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Bereicherung des Erwerbers<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>452.410\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>.\/. Freibetrag, \u00a7\u00a016 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em><u>400.000\u00a0\u20ac<\/u><\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuerpflichtiger Erwerb<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>52.410\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Abgerundet, \u00a7\u00a010 Abs.\u00a01 Satz\u00a06 ErbStG<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>52.400\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"158\"><em>Steuer 7\u00a0%<\/em><\/td>\n<td width=\"151\"><em>3.668\u00a0\u20ac<\/em><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Fall w\u00e4re anders zu entscheiden gewesen, wenn ein sog. <strong>Sukzessivnie\u00dfbrauch<\/strong> vereinbart worden w\u00e4re, der zweite Nie\u00dfbrauch also erst beim Tod des ersten Nie\u00dfbrauchers entstanden w\u00e4re. In diesem Fall w\u00e4re der zweite Nie\u00dfbrauch noch nicht entstanden und demnach auch nicht abzugsf\u00e4hig. Derartige Gestaltungen sind also zu vermeiden.<\/p>\n<p><em>BFH v. 6.5.2020 \u2013 II R 11\/19, BFH v. 6.5.2020 \u2013 II R 12\/19, ErbStB 2020, 313<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der BFH hat entschieden, dass \u00a7\u00a06 Abs.\u00a01 BewG nicht f\u00fcr einen am Stichtag entstandenen, aber nachrangigen Nie\u00dfbrauch gilt und bei der Schenkungsteuerfestsetzung der vorrangige und der nachrangige lebenslange Nie\u00dfbrauch (als einheitliche Last) nur einmal mit dem h\u00f6heren Vervielf\u00e4ltiger gem. \u00a7\u00a014 BewG zu ber\u00fccksichtigen sind. 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