{"id":1718,"date":"2025-09-11T19:48:55","date_gmt":"2025-09-11T17:48:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/?p=1718"},"modified":"2025-09-11T19:48:55","modified_gmt":"2025-09-11T17:48:55","slug":"tuerkei-kritik-an-geplanter-pflichtmediation-bei-scheidungen-juristin-warnt-vor-struktureller-benachteiligung-von-frauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/2025\/09\/11\/tuerkei-kritik-an-geplanter-pflichtmediation-bei-scheidungen-juristin-warnt-vor-struktureller-benachteiligung-von-frauen\/","title":{"rendered":"T\u00fcrkei: Kritik an geplanter Pflichtmediation bei Scheidungen \u2013 Juristin warnt vor struktureller Benachteiligung von Frauen"},"content":{"rendered":"<p>Die t\u00fcrkische Rechtsanw\u00e4ltin Sida Y\u0131ld\u0131z, Mitglied der Vereinigung freiheitlicher Juristinnen und Juristen (\u00d6HD), \u00e4u\u00dfert in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ANF deutliche Kritik an den Pl\u00e4nen des t\u00fcrkischen Justizministeriums, eine obligatorische Mediation in Familiensachen \u2013 insbesondere bei Scheidungen \u2013 einzuf\u00fchren. Sie warnt davor, dass diese Ma\u00dfnahme Frauen in der T\u00fcrkei strukturell benachteiligen und faktisch zum Schweigen bringen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><strong>Politischer Kontext und rechtliche Entwicklungen<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Justizminister Y\u0131lmaz Tun\u00e7 hatte angek\u00fcndigt, durch die Einf\u00fchrung einer sogenannten \u201eFamilienmediation\u201c Scheidungsverfahren zu verk\u00fcrzen und gerichtliche Belastungen zu reduzieren. Diese Initiative steht im Kontext einer breiteren Reformagenda, die bereits zur Ausweitung der Pflichtmediation auf Miet-, Nachbarschafts- und Erbschaftsstreitigkeiten gef\u00fchrt hat (vgl. Gesetz Nr.\u202f6325 \u00fcber Mediation in Zivilstreitigkeiten).<\/p>\n<p>Parallel dazu sorgte die Generaldirektion f\u00fcr Religionsangelegenheiten (Diyanet) mit einer \u00f6ffentlichkeitswirksamen Infragestellung des gesetzlichen Erbrechts von Frauen f\u00fcr Kritik. Y\u0131ld\u0131z sieht hierin eine besorgniserregende Tendenz zur Aush\u00f6hlung frauenrechtlicher Errungenschaften im t\u00fcrkischen Zivilrecht.<\/p>\n<p><strong>Kritikpunkte aus Sicht der juristischen Praxis<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Y\u0131ld\u0131z betont, dass Mediation in Scheidungsf\u00e4llen nicht als neutraler Raum wahrgenommen werden k\u00f6nne. Vielmehr bestehe die Gefahr, dass Frauen in einem strukturell unsicheren Setting unter Druck gesetzt w\u00fcrden, auf rechtlich zustehende Anspr\u00fcche \u2013 etwa auf Verm\u00f6gensaufteilung oder Sorgerecht \u2013 zu verzichten. Sie berichtet aus ihrer beruflichen Praxis, dass Mandantinnen h\u00e4ufig besch\u00e4mt oder sozial sanktioniert w\u00fcrden, wenn sie ihre Erbrechte geltend machen. Die vorgeschaltete Pflichtschlichtung in Erbsachen verst\u00e4rke diesen Druck zus\u00e4tzlich.<\/p>\n<p>Besonders kritisch sieht Y\u0131ld\u0131z die Tatsache, dass Mediation in der T\u00fcrkei bislang nicht durch ein fl\u00e4chendeckendes Schutzkonzept f\u00fcr vulnerable Parteien flankiert wird. Es fehle an qualifiziertem Fachpersonal mit gendersensibler Ausbildung, an Sicherheitsvorkehrungen in Sitzungen und an klaren Ausschlusskriterien bei Gewaltvorgeschichte. Sie verweist auf F\u00e4lle, in denen es w\u00e4hrend Mediationsverfahren zu schweren \u00dcbergriffen gekommen sei \u2013 bis hin zu T\u00f6tungsdelikten.<\/p>\n<p><strong>ADR-Fachliche Einordnung<\/strong><\/p>\n<p>Die geplante Einf\u00fchrung einer verpflichtenden Familienmediation in der T\u00fcrkei wirft grundlegende Fragen zur Freiwilligkeit, Parit\u00e4t und Schutzbed\u00fcrftigkeit im Mediationsverfahren auf. W\u00e4hrend ADR-Mechanismen international als entlastende und vers\u00f6hnliche Instrumente gelten, zeigt das Beispiel T\u00fcrkei, dass ihre Implementierung ohne rechtsstaatliche und menschenrechtliche Standards kontraproduktiv wirken kann.<\/p>\n<p>Y\u0131ld\u0131z fordert daher nicht nur eine R\u00fcckbesinnung auf die St\u00e4rkung der gerichtlichen Infrastruktur, sondern auch den Wiedereintritt der T\u00fcrkei in die Istanbuler Konvention, die einen v\u00f6lkerrechtlichen Rahmen zum Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt bietet.<\/p>\n<p><em>Quelle: https:\/\/deutsch.anf-news.com v. 27.08.2025<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die t\u00fcrkische Rechtsanw\u00e4ltin Sida Y\u0131ld\u0131z, Mitglied der Vereinigung freiheitlicher Juristinnen und Juristen (\u00d6HD), \u00e4u\u00dfert in einem Interview mit der Nachrichtenagentur ANF deutliche Kritik an den Pl\u00e4nen des t\u00fcrkischen Justizministeriums, eine obligatorische Mediation in Familiensachen \u2013 insbesondere bei Scheidungen \u2013 einzuf\u00fchren. Sie warnt davor, dass diese Ma\u00dfnahme Frauen in der T\u00fcrkei strukturell benachteiligen und faktisch zum Schweigen bringen k\u00f6nnte. Politischer Kontext und rechtliche Entwicklungen Justizminister Y\u0131lmaz Tun\u00e7 hatte angek\u00fcndigt, durch die Einf\u00fchrung einer sogenannten \u201eFamilienmediation\u201c Scheidungsverfahren zu verk\u00fcrzen und gerichtliche Belastungen zu reduzieren. Diese Initiative steht im Kontext einer breiteren Reformagenda, die bereits zur Ausweitung der Pflichtmediation auf Miet-, Nachbarschafts- und Erbschaftsstreitigkeiten gef\u00fchrt hat (vgl. Gesetz Nr.\u202f6325 \u00fcber Mediation in Zivilstreitigkeiten). Parallel dazu sorgte die Generaldirektion f\u00fcr Religionsangelegenheiten (Diyanet) mit einer \u00f6ffentlichkeitswirksamen Infragestellung des gesetzlichen Erbrechts von Frauen f\u00fcr Kritik. 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