{"id":1988,"date":"2026-09-14T16:43:25","date_gmt":"2026-09-14T14:43:25","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/?p=1988"},"modified":"2026-09-14T16:43:25","modified_gmt":"2026-09-14T14:43:25","slug":"familienmediation-in-kriegszeiten-traumainformierter-und-multidisziplinaerer-ansatz-zum-schutz-des-kindeswohls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/2026\/09\/14\/familienmediation-in-kriegszeiten-traumainformierter-und-multidisziplinaerer-ansatz-zum-schutz-des-kindeswohls\/","title":{"rendered":"Familienmediation in Kriegszeiten: Traumainformierter und multidisziplin\u00e4rer Ansatz zum Schutz des Kindeswohls"},"content":{"rendered":"<p>Der umfassende Krieg in der Ukraine hat Familienbeziehungen tiefgreifend ver\u00e4ndert. Massenhafte Binnenvertreibung und Emigration, die Zerst\u00f6rung von Wohnraum und den Verlust sozialer Bindungen belasten Familien zus\u00e4tzlich. Unter den Bedingungen von chronischem Stress, Ungewissheit und Kriegstraumata k\u00f6nnen traditionelle Methoden und Techniken der Familienmediation an ihre Grenzen sto\u00dfen.<\/p>\n<p>Das Projekt \u201eFamilienmediation in Kriegszeiten\u201c, durchgef\u00fchrt vom ITC \u201eMediation School\u201c in Partnerschaft mit der NGO \u201eLiga der Mediatoren der Ukraine\u201c, der Vereinigung der Familienmediatoren der Ukraine und dem NGO-Familienzentrum \u201eDotyk\u201c, widmet sich der Erforschung und praktischen Erprobung neuer Ans\u00e4tze f\u00fcr die Bearbeitung von Familienkonflikten unter besonderer Ber\u00fccksichtigung des Kindeswohls.<\/p>\n<p><em>Ziel<\/em> der Studie ist es, die Spezifika der Familienmediation unter den Bedingungen des Kriegsrechts zu untersuchen, einen traumainformierten Ansatz zu entwickeln und ein multidisziplin\u00e4res Modell der Zusammenarbeit von Fachkr\u00e4ften zu einzuf\u00fchren. Im Mittelpunkt stehen die Wiederherstellung und der Erhalt von Eltern-Kind-Beziehungen sowie die friedliche Beilegung von Konflikten.<\/p>\n<p>Die Untersuchung erfolgte in <em>zwei Phasen<\/em>. In der <em>Basisanalyse (2022\u20132024) <\/em>bearbeiteten 35 Mediatoren 455 F\u00e4lle mit insgesamt 1.355 Treffen. Dabei erhielten 1.361 Personen Unterst\u00fctzung; 288 F\u00e4lle betrafen Mediationen unter Beteiligung von Kindern. Insgesamt wurden 2.553 Stunden geleistet. F\u00fcr die v<em>ertiefte multidisziplin\u00e4re Analyse (2025\u20132026) <\/em>wurden 78 F\u00e4lle ausgew\u00e4hlt. Im Mittelpunkt standen die Auswirkungen des Kriegskontexts, die Einbeziehung erg\u00e4nzender Fachkr\u00e4fte und die Stabilit\u00e4t der erzielten Ergebnisse.<\/p>\n<p>Die Analyse der Familienkonflikte aus den Jahren 2025 und 2026 zeigte, dass 58 % der Anfragen komplexer Natur waren und mehrere Konfliktthemen miteinander verbanden, darunter Verm\u00f6gensstreitigkeiten, Fragen des Aufenthalts der Kinder und Unterhaltsfragen. Bei den \u00fcbrigen Anfragen ging es in 24 % der F\u00e4lle um die Beteiligung an der Erziehung und den Umgang mit dem Kind, bei 13 % um die Wiederherstellung der Kommunikation und bei 5 % um die Frage des Aufenthalts des Kindes.<\/p>\n<p>Die Anfragen wurden \u00fcberwiegend von Frauen (66,1\u00a0%) initiiert, seltener von M\u00e4nnern (28,6\u00a0%) und Kindern (5,4\u00a0%).<\/p>\n<p>Besonders deutlich zeigt sich die Belastung der Eltern-Kind-Beziehung: In 42,9\u00a0% der untersuchten F\u00e4lle war der Kontakt zum Vater abgebrochen, in 14,3\u00a0% der Kontakt zur Mutter. In 42,8\u00a0% der F\u00e4lle bestand weiterhin ausreichender Kontakt. Als wichtigster Faktor f\u00fcr den Kontaktabbruch wurden die r\u00e4umliche Trennung (28,8\u00a0%), die Pr\u00e4senz eines Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen oder Veteranen in der Familie (22,3%) sowie die Vermeidung der Mobilisierung (6,1%) genannt.<\/p>\n<p>Insgesamt waren in 59\u00a0% aller untersuchten F\u00e4lle Milit\u00e4rangeh\u00f6rige oder Veteranen beteiligt. Diese F\u00e4lle k\u00f6nnen unter anderem durch PTBS, Invalidit\u00e4t, physische Abwesenheit \u2013 etwa wenn sich eine Partei an der Front befindet \u2013 oder emotionale Abwesenheit zus\u00e4tzlich erschwert werden. Aus Sicht des Projekts spricht dies f\u00fcr die Einbeziehung spezialisierter Fachkr\u00e4fte in den Mediationsprozess.<\/p>\n<p>Die Fallanalyse der ersten Studienphase zeigte, dass in 43\u00a0% der F\u00e4lle erg\u00e4nzende Fachkr\u00e4fte durch die Parteien hinzugezogen wurden: Juristen in 21,4\u00a0%, Psychologen in 14,3\u00a0% und andere Experten in 7,1\u00a0% der F\u00e4lle. Nach den Ergebnissen der Studie erh\u00f6hte die Einbeziehung eines Psychologen die Gesamterfolgsquote der Mediation im Hinblick auf die Verbesserung des Kontakts auf 75\u00a0%. Wurden dagegen externe Juristen von einer oder beiden Parteien konsultiert, lag die Erfolgsquote in den entsprechenden F\u00e4llen bei 17\u00a0%. Als Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr wird angef\u00fchrt, dass juristische Beratung st\u00e4rker auf den \u201eSieg des Klienten\u201c als auf das Erreichen einer gemeinsamen Vereinbarung ausgerichtet sein kann.<\/p>\n<p>Als zentrale Schlussfolgerung des Projekts wird daher die Notwendigkeit eines multidisziplin\u00e4ren Ansatzes hervorgehoben. Dieser sieht die koordinierte Zusammenarbeit mehrerer Fachkr\u00e4fte \u2013 Mediator, Psychologe, Psychotherapeut, Jurist und Sozialarbeiter \u2013 mit der Familie vor. Die beteiligten Fachkr\u00e4fte sollen zugleich \u00fcber Mediationskompetenzen verf\u00fcgen und als gemeinsames Team arbeiten. Ziel ist nicht der \u201eSieg\u201c einer Konfliktpartei, sondern eine tragf\u00e4hige L\u00f6sung f\u00fcr die Familie und insbesondere die Wahrung der Interessen des Kindes.<\/p>\n<p>Unter den Bedingungen des Krieges kommt der Familienmediation ein wichtige Rolle bei der Unterst\u00fctzung von Familien und dem Schutz des Kindeswohls zu. Aus den Ergebnissen des Projekts ergeben sich insbesondere folgende Anforderungen an die Arbeit des Mediators:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Multidisziplin\u00e4re Zusammenarbeit<\/strong>: Mediatoren, Psychologen, Juristen und Sozialarbeitern sollten ihre Kompetenzen im Interesse des Kindes b\u00fcndeln.<\/li>\n<li><strong>Traumainformierter Ansatz<\/strong>: Die Arbeit soll nicht nur den Konflikt, sondern auch die besondere Situation der Menschen ber\u00fccksichtigen, die unter chronischem Stress und den Folgen von Kriegserfahrungen stehen.<\/li>\n<li><strong>Regelm\u00e4\u00dfige Supervision<\/strong>: Eine kontinuierliche Supervision soll dazu beitragen, die Fachkr\u00e4fte zu unterst\u00fctzen und einem Burnout vorzubeugen.<\/li>\n<li><strong>Flexibilit\u00e4t des Mediationsverfahrens<\/strong>: Erforderlich sind flexible Verfahrensformen, etwa Online-Format, Unterbrechungen bei Luftalarm, Stromausf\u00e4llen sowie die Anpassung des Verfahrens an die jeweiligen Sicherheitsbedingungen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><em>Quelle: Tetiana Bilyk, Leiterin des <\/em><em>Projekts \u201eFamilienmediation in Kriegszeiten\u201c<\/em><\/p>\n<p>Foto:\u00a0\u00a9New Africa &#8211; stock.adobe.com<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der umfassende Krieg in der Ukraine hat Familienbeziehungen tiefgreifend ver\u00e4ndert. 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