{"id":633,"date":"2022-07-14T08:37:24","date_gmt":"2022-07-14T06:37:24","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/?p=633"},"modified":"2022-07-14T08:37:24","modified_gmt":"2022-07-14T06:37:24","slug":"ukraine-krieg-derzeit-keine-verhandlungsloesung-in-sicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/2022\/07\/14\/ukraine-krieg-derzeit-keine-verhandlungsloesung-in-sicht\/","title":{"rendered":"Ukraine-Krieg: Derzeit keine Verhandlungsl\u00f6sung in Sicht"},"content":{"rendered":"<p>Vor rund 400 Teilnehmern diskutierten am 26.2.2022 und damit genau vier Monate nach Kriegsbeginn in der Ukraine Sokrates-Preistr\u00e4ger und Konfliktforscher Prof. Dr. Friedrich Glasl und Psychiater Prof. Dr. Fritz P. Simon \u00fcber die Aussichten einer raschen Beendigung des Ukraine-Kriegs. Moderiert wurde die Diskussion von Gesine Otto und Andreas Winheller, beide erfahrene Konflikt- und Verhandlungsexperten.<\/p>\n<p>Sowohl Glasl als auch Simon halten die Lieferung von Waffen seitens der NATO an die Ukraine f\u00fcr erforderlich, damit sich die schw\u00e4chere Kriegspartei auf ihrem Territorium selbst verteidigen kann. Auch waren sich die Diskutanten darin einig, dass der Krieg in Wahrheit nicht zwischen der Ukraine und Russland, sondern zwischen den NATO-Staaten und Russland gef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Unterschiedlich war allerdings die Einsch\u00e4tzung, welche realistischen M\u00f6glichkeiten bestehen, eine Verhandlungsl\u00f6sung zu erzielen. Glasl sieht die Chance darin, dass neutrale Staaten wie \u00d6sterreich oder die Schweiz und im Grunde genommen die gesamte restliche Welt, die unter den globalen \u00f6konomischen, \u00f6kologischen und sozialen Katastrophen des Krieges leiden, Druck auf die unmittelbaren Kriegsparteien aus\u00fcben, an den Verhandlungstisch zu treten. Simon dagegen sieht daf\u00fcr derzeit weit und breit keinen Friedensinitiator, der gen\u00fcgend Macht und Autorit\u00e4t h\u00e4tte, dieses Ziel zu erreichen. Erst dann, wenn eine Pattsituation eintritt und beide Parteien kriegsm\u00fcde werden, weil sie erkennen, dass keine Seite gewinnen kann, sei die Chance da, einen \u201eerzwungenen\u201c Frieden auszuhandeln. Dann besteht die Gefahr, dass der Konflikt weiter schwelen w\u00fcrde und sich irgendwann wieder ausbreiten k\u00f6nnte \u2013 der Balkankrieg hat es gezeigt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Glasl die Chance sieht, dass sich neutrale Staaten zusammenschlie\u00dfen und die Kriegsparteien dazu bewegen, sich an den Verhandlungstisch zu begeben, sieht Simon hierzu derzeit keine Chance. Seiner Ansicht nach fehlt es dazu an der entsprechenden Macht und Einflussgr\u00f6\u00dfe der in Betracht kommenden Staaten. Die UNO sei auf einen reinen Beobachterstatus reduziert, China stehe auf Seiten Russlands und die in erster Linie betroffene Dritte Welt habe zu wenig Einfluss.<\/p>\n<p>Glasl pl\u00e4diert dagegen f\u00fcr ein Angebotsverhandeln nach dem Grit-Modell, das 1986 Michael Gorbatschow erfolgreich anwendete, um Ronald Reagan zu Abr\u00fcstungsverhandlungen zu animieren. Simon h\u00e4lt eine solche Abr\u00fcstungs- bzw. Friedensinitiative seitens Putins f\u00fcr nahezu ausgeschlossen. Putin sei geradezu der Anti-Gorbatschow, der die alte Sowjetunion wieder herstellen wolle, die Gorbatschow aufgegeben habe.<\/p>\n<p>Glasl appellierte im Verlauf des Diskurses immer wieder, die \u201eWindows of Opportunities\u201c zu erkennen und daraus Verhandlungsans\u00e4tze zu entwickeln. Ein Window of Opportunity sieht er etwa darin, dass China gegen die Russland-Beschl\u00fcsse der UNO kein Veto eingelegt, sondern sich \u201enur\u201c enthalten habe. Gleichwohl sieht Glasl die gr\u00f6\u00dften Chancen f\u00fcr ein Verhandlungsangebot auf Seiten der NATO. Simon bewegt vor allem die Gefahr der Eskalation, obwohl sich derzeit beide Seiten darum bem\u00fchten, die Gewalt einzugrenzen. Es sei im Grunde genommen paradox, das eigene Land zu verteidigen \u2013 aber nicht so, dass es eskaliert. Insoweit sei es auch f\u00fcr die NATO schwer, der Ukraine nur die Waffen zu liefern, die eine Ausweitung der Gewalt verhindert. Im \u00dcbrigen bestehe die Gefahr, dass eine Kriegspartei das Bem\u00fchen um Deeskalation fehlinterpretiere und als gesteigerte Aggression werte.<\/p>\n<p>Bei allem bleibt f\u00fcr den Westen die Hoffnung, dass derzeit beide Seiten den Konflikt nicht weiter eskalieren wollen \u2013 so deuten jedenfalls Glasl und Simon die derzeitige Lage.<\/p>\n<p>Ein Video des virtuellen Diskurses ist auf YouTube abrufbar: <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=2vpNVQiQeSw\">www.youtube.com\/watch?v=2vpNVQiQeSw<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor rund 400 Teilnehmern diskutierten am 26.2.2022 und damit genau vier Monate nach Kriegsbeginn in der Ukraine Sokrates-Preistr\u00e4ger und Konfliktforscher Prof. Dr. Friedrich Glasl und Psychiater Prof. Dr. Fritz P. Simon \u00fcber die Aussichten einer raschen Beendigung des Ukraine-Kriegs. Moderiert wurde die Diskussion von Gesine Otto und Andreas Winheller, beide erfahrene Konflikt- und Verhandlungsexperten. Sowohl Glasl als auch Simon halten die Lieferung von Waffen seitens der NATO an die Ukraine f\u00fcr erforderlich, damit sich die schw\u00e4chere Kriegspartei auf ihrem Territorium selbst verteidigen kann. Auch waren sich die Diskutanten darin einig, dass der Krieg in Wahrheit nicht zwischen der Ukraine und Russland, sondern zwischen den NATO-Staaten und Russland gef\u00fchrt wird. Unterschiedlich war allerdings die Einsch\u00e4tzung, welche realistischen M\u00f6glichkeiten bestehen, eine Verhandlungsl\u00f6sung zu erzielen. Glasl sieht die Chance darin, dass neutrale Staaten wie \u00d6sterreich oder die Schweiz und im Grunde genommen die gesamte restliche Welt, die unter den globalen \u00f6konomischen, \u00f6kologischen und sozialen Katastrophen des Krieges leiden, Druck auf die unmittelbaren Kriegsparteien aus\u00fcben, an den Verhandlungstisch zu treten. Simon dagegen sieht daf\u00fcr derzeit weit und breit keinen Friedensinitiator, der gen\u00fcgend Macht und Autorit\u00e4t h\u00e4tte, dieses Ziel zu erreichen. Erst dann, wenn eine Pattsituation eintritt und beide Parteien kriegsm\u00fcde werden, weil sie erkennen, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":80,"featured_media":638,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,149],"tags":[123,122],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633"}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/users\/80"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=633"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":635,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/633\/revisions\/635"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/media\/638"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=633"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=633"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.otto-schmidt.de\/zkm-report\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=633"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}