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Sep 14

Familienmediation in Kriegszeiten: Traumainformierter und multidisziplinärer Ansatz zum Schutz des Kindeswohls

  • 14. September 2026
  • Ausgabe 5/2026

Der umfassende Krieg in der Ukraine hat Familienbeziehungen tiefgreifend verändert. Massenhafte Binnenvertreibung und Emigration, die Zerstörung von Wohnraum und den Verlust sozialer Bindungen belasten Familien zusätzlich. Unter den Bedingungen von chronischem Stress, Ungewissheit und Kriegstraumata können traditionelle Methoden und Techniken der Familienmediation an ihre Grenzen stoßen.

Das Projekt „Familienmediation in Kriegszeiten“, durchgeführt vom ITC „Mediation School“ in Partnerschaft mit der NGO „Liga der Mediatoren der Ukraine“, der Vereinigung der Familienmediatoren der Ukraine und dem NGO-Familienzentrum „Dotyk“, widmet sich der Erforschung und praktischen Erprobung neuer Ansätze für die Bearbeitung von Familienkonflikten unter besonderer Berücksichtigung des Kindeswohls.

Ziel der Studie ist es, die Spezifika der Familienmediation unter den Bedingungen des Kriegsrechts zu untersuchen, einen traumainformierten Ansatz zu entwickeln und ein multidisziplinäres Modell der Zusammenarbeit von Fachkräften zu einzuführen. Im Mittelpunkt stehen die Wiederherstellung und der Erhalt von Eltern-Kind-Beziehungen sowie die friedliche Beilegung von Konflikten.

Die Untersuchung erfolgte in zwei Phasen. In der Basisanalyse (2022–2024) bearbeiteten 35 Mediatoren 455 Fälle mit insgesamt 1.355 Treffen. Dabei erhielten 1.361 Personen Unterstützung; 288 Fälle betrafen Mediationen unter Beteiligung von Kindern. Insgesamt wurden 2.553 Stunden geleistet. Für die vertiefte multidisziplinäre Analyse (2025–2026) wurden 78 Fälle ausgewählt. Im Mittelpunkt standen die Auswirkungen des Kriegskontexts, die Einbeziehung ergänzender Fachkräfte und die Stabilität der erzielten Ergebnisse.

Die Analyse der Familienkonflikte aus den Jahren 2025 und 2026 zeigte, dass 58 % der Anfragen komplexer Natur waren und mehrere Konfliktthemen miteinander verbanden, darunter Vermögensstreitigkeiten, Fragen des Aufenthalts der Kinder und Unterhaltsfragen. Bei den übrigen Anfragen ging es in 24 % der Fälle um die Beteiligung an der Erziehung und den Umgang mit dem Kind, bei 13 % um die Wiederherstellung der Kommunikation und bei 5 % um die Frage des Aufenthalts des Kindes.

Die Anfragen wurden überwiegend von Frauen (66,1 %) initiiert, seltener von Männern (28,6 %) und Kindern (5,4 %).

Besonders deutlich zeigt sich die Belastung der Eltern-Kind-Beziehung: In 42,9 % der untersuchten Fälle war der Kontakt zum Vater abgebrochen, in 14,3 % der Kontakt zur Mutter. In 42,8 % der Fälle bestand weiterhin ausreichender Kontakt. Als wichtigster Faktor für den Kontaktabbruch wurden die räumliche Trennung (28,8 %), die Präsenz eines Militärangehörigen oder Veteranen in der Familie (22,3%) sowie die Vermeidung der Mobilisierung (6,1%) genannt.

Insgesamt waren in 59 % aller untersuchten Fälle Militärangehörige oder Veteranen beteiligt. Diese Fälle können unter anderem durch PTBS, Invalidität, physische Abwesenheit – etwa wenn sich eine Partei an der Front befindet – oder emotionale Abwesenheit zusätzlich erschwert werden. Aus Sicht des Projekts spricht dies für die Einbeziehung spezialisierter Fachkräfte in den Mediationsprozess.

Die Fallanalyse der ersten Studienphase zeigte, dass in 43 % der Fälle ergänzende Fachkräfte durch die Parteien hinzugezogen wurden: Juristen in 21,4 %, Psychologen in 14,3 % und andere Experten in 7,1 % der Fälle. Nach den Ergebnissen der Studie erhöhte die Einbeziehung eines Psychologen die Gesamterfolgsquote der Mediation im Hinblick auf die Verbesserung des Kontakts auf 75 %. Wurden dagegen externe Juristen von einer oder beiden Parteien konsultiert, lag die Erfolgsquote in den entsprechenden Fällen bei 17 %. Als Erklärung hierfür wird angeführt, dass juristische Beratung stärker auf den „Sieg des Klienten“ als auf das Erreichen einer gemeinsamen Vereinbarung ausgerichtet sein kann.

Als zentrale Schlussfolgerung des Projekts wird daher die Notwendigkeit eines multidisziplinären Ansatzes hervorgehoben. Dieser sieht die koordinierte Zusammenarbeit mehrerer Fachkräfte – Mediator, Psychologe, Psychotherapeut, Jurist und Sozialarbeiter – mit der Familie vor. Die beteiligten Fachkräfte sollen zugleich über Mediationskompetenzen verfügen und als gemeinsames Team arbeiten. Ziel ist nicht der „Sieg“ einer Konfliktpartei, sondern eine tragfähige Lösung für die Familie und insbesondere die Wahrung der Interessen des Kindes.

Unter den Bedingungen des Krieges kommt der Familienmediation ein wichtige Rolle bei der Unterstützung von Familien und dem Schutz des Kindeswohls zu. Aus den Ergebnissen des Projekts ergeben sich insbesondere folgende Anforderungen an die Arbeit des Mediators:

  1. Multidisziplinäre Zusammenarbeit: Mediatoren, Psychologen, Juristen und Sozialarbeitern sollten ihre Kompetenzen im Interesse des Kindes bündeln.
  2. Traumainformierter Ansatz: Die Arbeit soll nicht nur den Konflikt, sondern auch die besondere Situation der Menschen berücksichtigen, die unter chronischem Stress und den Folgen von Kriegserfahrungen stehen.
  3. Regelmäßige Supervision: Eine kontinuierliche Supervision soll dazu beitragen, die Fachkräfte zu unterstützen und einem Burnout vorzubeugen.
  4. Flexibilität des Mediationsverfahrens: Erforderlich sind flexible Verfahrensformen, etwa Online-Format, Unterbrechungen bei Luftalarm, Stromausfällen sowie die Anpassung des Verfahrens an die jeweiligen Sicherheitsbedingungen.

Quelle: Tetiana Bilyk, Leiterin des Projekts „Familienmediation in Kriegszeiten“

Foto: ©New Africa – stock.adobe.com

 

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Redaktion ZKM

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