Nur ein Ausbildungsmarkt? Mediationsausbildungen entfalten Wirkung auf vielen Ebenen!

Dipl.-Psych. Kirsten Schroeter  Dipl.-Psych. Kirsten Schroeter
Wissenschaftliche Leitung des Masterstudiengangs Mediation und Konfliktmanagement, Europa-Universität Viadrina

Ko-Autorin:
Prof. Dr. Ulla Gläßer
Master-Studiengang Mediation, Institut für Konfliktmanagement, Europa-Universität Viadrina

Wir wissen nach wie vor relativ wenig über die Zahl der in Deutschland real durchgeführten Mediationen. Nur ganz punktuell liegen systematische Erhebungen vor – etwa für den Bereich der güterichterlichen Mediation oder von einzelnen Unternehmen, die die Tätigkeit ihrer internen Mediatoren dokumentieren.


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Auch über die fehlende statistische Erfassung von Mediationsfällen hinaus ist – im deutschsprachigen Raum wie international – bezüglich der Effekte von Mediationsausbildungen eine erhebliche Forschungslücke zu konstatieren.

Mit dieser Herausforderung war auch die von der Bundesregierung beauftragte und 2017 veröffentlichte Evaluation über die Auswirkungen des Mediationsgesetzes auf die Entwicklung der Mediation und über die Situation der Aus- und Fortbildung von Mediatorinnen in Deutschland konfrontiert. Über eine Befragung der in den Mediationsverbänden organisierten Mediatoren wurde versucht, Genaueres dazu zu erfahren – mit dem für viele sehr ernüchternden, hier bewusst verkürzten und zugespitzten Fazit: „Nicht viel los im Feld der Mediation“ (im Originalton ist mit Blick auf die Fallzahlen mehrfach von „Stagnation auf niedrigem Niveau die Rede, s. S. 47 und S. 144 des Evaluationsberichts). Dies stand im Einklang mit dem seit vielen Jahren geäußerten, vermeintlichen Befund (der jedoch trotz seiner Verbreitung keine solide empirische Grundlage hat), dass es sich bei Mediation vor allem um einen Ausbildungsmarkt handele.

Ist eine Mediationsausbildung also eine Fehlinvestition, die sich jedenfalls mit Blick auf den möglichen Ertrag späterer Mediationstätigkeit in der Regel nicht rechnet? Finanzieren sich Mediationsausbilderinnen – mangels eigener wirtschaftlicher Existenzsicherung durch Mediationstätigkeit – im Grunde vor allem durch die Weiterbildungsgebühren ihrer Teilnehmenden und vermitteln (wissentlich und gewissenlos) eine brotlose Kunst?

Mit der hier vorgestellten deutsch-dänischen Studie über die Erfahrungen von Absolventen zweier Mediations-Studiengänge werfen wir zum einen mehr Licht ins Dunkel der tatsächlichen Mediationspraxis. Zum anderen plädieren wir für einen sehr viel differenzierteren Blick auf die Wirkungen einer Mediationsausbildung – bewusst auch jenseits der wirtschaftlichen Tätigkeit. Als Ausbilderinnen mit jahrzehntelanger Tätigkeit kennen wir zahllose, persönlich oft sehr anrührende Berichte darüber, wie die Inhalte und das Erleben der Ausbildung im beruflichen und privaten Alltag der Ausgebildeten Wirkung entfalten – und teilweise sogar Leben verändern. Zugleich stehen wir mit dieser intensiven Verbundenheit zum Feld im Risiko, die Wirkung von Ausbildungen zu überschätzen.

Dies war für uns ein Grund mehr, unser „gefühltes Wissen“ einer empirischen Probe zu unterziehen. Gemeinsam mit unserer dänischen Kollegin Prof. Dr. Lin Adrian, die an der Universität Kopenhagen einen Studiengang zu Mediation verantwortet, der dem von uns geleiteten Studiengang Mediation und Konfliktmanagement an der Europa-Universität Viadrina in vieler Hinsicht gleicht, führten wir daher eine Befragung aller bisherigen Absolventen (insgesamt rund 600 Alumni) durch.

Für die deutsche Stichprobe der Berufstätigen ergab sich eine erfreulich hohe Rücklaufquote von 36 Prozent, deren Ergebnisse wir in der ZKM 2/2020 44 ff. detailliert vorstellen. (Der Beitrag steht auch als kostenloses Download auf der Website der ZKM zur Verfügung.) Wir beschreiben die Wirkungen des Mediationsstudiums im beruflichen und persönlichen Umfeld sowie, darüber hinausweisend, auch im gesellschaftlichen Bereich.

Im Einzelnen zeigen wir zunächst die hohe Relevanz der Studieninhalte für den Arbeitsalltag der Absolventinnen; dabei beschreiben wir sowohl die vielschichtigen Formen der konkreten Anwendung der erlernten Kompetenzen über das eigentliche Mediieren hinaus als auch die Effekte für das persönliche Wohlbefinden und die Atmosphäre am Arbeitsplatz. Insbesondere wird von den Befragten der deutliche Mehrwert der Ausbildung für die bessere Wahrnehmung der eigenen Führungsrolle betont.

Bei den wahrgenommenen Wirkungen des Studiums im Bereich des Privatlebens spielt insbesondere der Beitrag zu einem besseren Umgang mit eigenen Konflikten eine wichtige Rolle.

Die Wirkungen des Studiums gehen über den unmittelbar persönlichen und beruflichen Bereich hinaus. Ausgebildete Mediatoren prägen die Mediationslandschaft mit und handeln auch darüber hinaus in vielfältiger Weise als „agents of change“: Sie sind zu einem bedeutsamen Anteil ehrenamtlich als Mediatorin tätig. Sie halten Vorträge zu Mediation und/oder Konfliktmanagement und veröffentlichen in diesem Themenbereich. Sie tragen dazu bei, dass in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten Wissen über Mediation vermittelt wird und sie wirken daran mit, dass Mediation oder andere Formen des Konfliktmanagements eingeführt bzw. gefördert werden. All diese Befunde finden sich in erstaunlich vergleichbarer Weise auch in der dänischen Stichprobe.

Insgesamt zeigt die Studie eindrucksvoll, dass Mediationsausbildungen nicht nur auf die Tätigkeit als (freiberuflicher) Mediator vorbereiten, sondern auf vielen Ebenen Früchte tragen. Der geschärfte Blick auf Konflikte und deren Bearbeitungsmöglichkeiten sowie das erlernte Handwerkszeug sind sowohl im beruflichen als auch im privaten Bereich nutzbringend für die Ausgebildeten und deren Umfeld einsetzbar. Die vermittelte verständnis- und interessenorientierte Haltung und die Überzeugung, dass sich ein mediativer Umgang mit Konflikten und Entscheidungssituationen lohnt, haben das Potential, die Streitkultur einer Familie, Organisation und letztlich sogar einer Gesellschaft positiv zu verändern. Mediationsausbildungen tun aus unserer Sicht sehr gut daran, all diese Wirkebenen – die beruflichen, die privaten ebenso wie die gesellschaftspolitischen – explizit zu adressieren.

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