Ein wichtiger Mechanismus zur Lösung grenzüberschreitender Streitigkeiten ist die internationale Schiedsgerichtsbarkeit. Sie steht aber durch Geopolitik, KI, Regulierung, Kosten- und Transparenzdruck vor tiefgreifenden Veränderungen. Über die aktuellen Herausforderungen und Perspektiven der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit veröffentlichte die zum Otto Schmidt Verlag gehörende Fachzeitschrift DER BETRIEB (DB) ein Interview mit Dr. Heiko Haller, Co-Chair der deutschen Dispute-Resolution-Praxisgruppe von Baker McKenzie.
Gefragt, welche Entwicklungen derzeit die internationale Schiedsgerichtsbarkeit am stärksten präge, antwortet Haller: „Momentan dominieren drei Megatrends: Technologie, Geopolitik und regulatorische Komplexität. Unser Global Dispute Forecast 2026, eine Umfrage unter 600 Führungskräften in sechs Volkswirtschaften, zeigt: 80 Prozent der Unternehmen stufen Technologie- und Datenrisiken als wesentliche Bedrohung ein, 79 Prozent nennen Geopolitik und Handelspolitik, 78 Prozent operative Lieferkettenstörungen. Für die Schiedsgerichtsbarkeit selbst identifizieren 57 Prozent der Befragten Technologie und Datensicherheit als größte Herausforderung der nächsten drei Jahre, dicht gefolgt von Geopolitik (55 Prozent) sowie Kosten/Verfahrensdauer (54 Prozent)“.
Wie es denn mit den Ressourcen für Streitbeilegungen in den Unternehmen aussehe, wollte DB wissen. Haller: „38 Prozent der Unternehmen halten ihr Budget für Streitigkeiten für unzureichend, weitere 39 Prozent nur für „gerade ausreichend“. 77 Prozent operieren ohne finanziellen Puffer bei unerwarteten Eskalationen und 55 Prozent nennen Finanzierungs- und Ressourcenengpässe als größte Hürde für ihre Streitbeilegungsbereitschaft. Knappe Mittel sind also nicht nur Budgetthemen, sondern zeigen, dass Unternehmen in wirtschaftlich herausfordernden Situationen eben nicht auf eingepreiste Puffer zurückgreifen können, sondern darauf angewiesen sind, ihre Ansprüche (ggf. rechtlich) durchzusetzen.“
Laut Haller sehen 54 Prozent der Befragten Kosten und Dauer der Schiedsverfahren als signifikante Herausforderung. Nach einer ICC-Statistik hätten die Parteien es aber in der Hand, die Kosten zu beeinflussen, weil ungefähr 85 Prozent der Kosten des Schiedsverfahrens von Parteien verursachte Kosten sind. Wichtig sei daher, dass die Parteien auf eine effiziente Prozessführung und (interne) Fallaufbereitung achten.
Heiko Haller sieht alternative Streitbeilegungsmethoden wie Mediation nicht als Konkurrenz zur Schiedsgerichtsbarkeit, sondern als wichtige Ergänzung. „Eine Mediation kann Konflikte besonders effektiv lösen, v.a. soweit diese Streitigkeiten langfristige Geschäftsbeziehungen betreffen. Dann sind konsensuale Lösungen nachhaltiger und bewahren die Geschäftsbeziehung. In Ländern wie Deutschland, wo die Mediation noch kein etablierter Standard ist, bestehen jedoch weiterhin überraschend viele Vorbehalte, sodass Mediationsvereinbarungen häufig abgelehnt werden.“
Quelle: der-betrieb.de v. 1.4.2026
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