Diese Woche geht es um einen recht kuriosen Fall mit Fragen aus dem Nachbar- und Zivilprozessrecht.
Zulassung der Revision nur bei Entscheidungserheblichkeit
BGH, Beschluss vom 15. Oktober 2026 – V ZR 237/25
Der V. Zivilsenat weist eine Nichtzulassungsbeschwerde zurück, obwohl die angefochtene Berufungsentscheidung zwei Rechtsfehler aufweist und im Ergebnis eine andere Entscheidung geboten gewesen wäre.
Die Parteien sind Grundstücksnachbarn. Auf dem tiefer gelegenen Grundstück der Beklagten steht im Bereich der Grenze zum Grundstück der Klägerin eine Mauer, die nach Auffassung der Klägerin massiv einsturzgefährdet ist und deshalb die Gefahr begründet, dass das Grundstück der Klägerin abrutscht.
Die früheren Eigentümer hatten die Beklagten mit derselben Begründung bereits im Jahr 2010 gerichtlich in Anspruch genommen. Damals hat das LG die Beklagten antragsgemäß verurteilt, die Mauer zu ertüchtigen. Die dagegen gerichtete Berufung hat das OLG durch Beschluss gemäß § 522 Abs. 2 ZPO zurückgewiesen. Die dagegen gerichtete Nichtzulassungsbeschwerde hat der BGH im Jahr 2016 zurückgewiesen.
Im neuen Verfahren hat das LG die Beklagten verurteilt, die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um die Gefahr eines Einsturzes der Mauer zu beseitigen. Das OLG hat die Berufung gegen diese Entscheidung ebenfalls durch Beschluss gemäß § 522 Abs. 2 ZPO zurückgewiesen.
Die Nichtzulassungsbeschwerde der Beklagten bleibt erneut erfolglos.
Der BGH bescheinigt dem OLG allerdings, dass dessen materiell-rechtliche Beurteilung von der höchstrichterlichen Rechtsprechung abweicht.
Die Aufgabe, ein Grundstück durch Abstützen gegen die Gefahr eines Abrutschens zu sichern, obliegt grundsätzlich dem Eigentümer des höher gelegenen Grundstücks. Etwas anderes gilt nur dann, wenn der Eigentümer des tiefer gelegenen Grundstücks entgegen § 909 BGB die Gefahr durch eine Vertiefung seines Grundstücks herbeigeführt hat. Bei Entfernung einer auf dem tiefer gelegenen Grundstück stehenden Mauer ist § 909 BGB weder unmittelbar noch entsprechend anwendbar (BGH, Urteil vom 29. Juni 2012 V ZR 97/11, MDR 2012, 1027 Rn. 13 ff.).
Der BGH zieht daraus (im Anschluss an die Kommentierung von Brückner im Münchner Kommentar zum BGB) die Schussfolgerung, dass den Eigentümer der Mauer in solchen Fällen auch keine Erhaltungspflicht gemäß § 908 BGB wegen Einsturzgefahr eines Werks trifft.
Aus dem Umstand, dass der BGH Nichtzulassungsbeschwerde im ersten Verfahren zurückgewiesen hat, können keine abweichenden Schlussfolgerungen gezogen werden. Die Zurückweisung einer Nichtzulassungsbeschwerde als unbegründet besagt lediglich, dass sich aus den Darlegungen des Beschwerdeführers kein Grund für die Zulassung der Revision ergibt, nicht aber, dass die angefochtene Entscheidung frei von Rechtsfehlern ist.
Obwohl im neuen Verfahren eine Divergenz zur höchstrichterlichen Rechtsprechung zu Tage getreten ist, sieht der BGH auch dieses Mal von der Zulassung der Revision ab. Er stützt sich insoweit auf den Grundsatz, dass eine von höchstrichterlicher Rechtsprechung abweichende Beurteilung einer Rechtsfrage nur dann zur Zulassung der Revision führt, wenn diese Frage entscheidungserheblich ist. Im Streitfall verneint der BGH die Entscheidungserheblichkeit, weil die Vorinstanzen die Klage schon als unzulässig hätten abweisen müssen.
Im vorliegenden Verfahren ist die Klage unzulässig, weil über den Streitgegenstand bereits rechtskräftig entschieden ist und die Rechtskraft dieser Entscheidung auch zugunsten der Klägerin wirkt.
Gemäß § 325 Abs. 1 ZPO wirkt ein rechtskräftiges Urteil auch für und gegen diejenigen Personen, die nach Eintritt der Rechtshängigkeit Rechtsnachfolger einer Partei geworden sind. Dies gilt (selbstverständlich) auch dann, wenn die Rechtsnachfolge erst nach Eintritt der Rechtskraft stattgefunden hat.
Im Streitfall war die erste Klage auf das Eigentum am höher gelegenen Grundstück gestützt. Die Klägerin ist nach Rechtshängigkeit Rechtsnachfolgerin der damaligen Eigentümer geworden. Die Entscheidung aus dem ersten Verfahren wirkt deshalb auch zu ihren Gunsten.
Bemerkenswert an der jetzigen Entscheidung des BGH ist, dass er die Entscheidungerheblichkeit einer aufgezeigten Divergenz auch dann verneint, wenn die Vorinstanzen bei zutreffender rechtlicher Beurteilung zwar eine andere Entscheidung hätten treffen müssen, dieses Ergebnis aber schon aus anderen, die Zulässigkeit der Klage betreffenden Gründen geboten war.
Für die Beklagte des Streitfalls hat dies zur Folge, dass sie die Kosten des gesamten Verfahrens zu tragen hat, obwohl die Klage aus zwei Gründen von Anfang an abweisungsreif war. Materiell ist die Beklagten hingegen nicht beschwert, weil sie schon aufgrund der Entscheidung aus dem ersten Verfahren zur Ertüchtigung der Mauer verpflichtet ist.
Praxistipp: Eine Vollstreckung durch den Rechtsnachfolger setzt nach § 727 Abs. 1 ZPO voraus, dass diesem eine vollstreckbare Ausfertigung des Titels erteilt worden ist. Der dafür erforderliche Nachweis der Rechtsnachfolge durch öffentlich beglaubigte Urkunden kann bei Grundstücken durch Vorlage eines amtlichen Grundbuchausdrucks im Sinne von § 131 GBO und § 78 Abs. 2 GBV geführt werden.